Brüssel

Nein, nein, er sei "kein Held". Paul van Buitenen winkt ab, schüttelt seinen mächtigen Schädel. Der holländische EU-Mitarbeiter hat die aufregendste Woche seines Lebens hinter sich. Seit sieben Tagen verlangen Presse, Funk und Fernsehen nach Interviews mit jenem Mann, dessen Enthüllungen die mächtige EU-Kommission in Verruf brachten. Jetzt ist van Buitenen "müde, nur müde - mir brummt der Kopf". Nie habe er "eine öffentliche Person" werden wollen, "schon gar nicht Politiker". Daß er, der sich einen "kleinen, loyalen Beamten" nennt, zum Kronzeugen europäischer Mißwirtschaft avancierte, sei "nur die ultimative Konsequenz des Berufes - ich bin Buchhalter".

Van Buitenen packte aus, weil "ich es nicht mehr ertragen habe, wie die EU-Kommission ihre Skandale vertuscht". Anfang Dezember war's soweit - in einem 34seitigen Brief offenbarte er dem Europaparlament seine Erkenntnisse. Dazu lieferte er circa 700 Blatt Papier: vertrauliche Dokumente zumeist, die von Verschwendung, Nepotismus und Korruption in Europas höchster Behörde erzählen. Die EU-Kommission schlug zurück: Ihr disziplinarischer Reflex - Suspendierung plus Halbierung des Gehalts, zudem drohende Entlassung - soll potentielle Nachahmer abschrecken, den Beamten zum Gesetzlosen abstempeln. Seither gilt Paul van Buitenen vielen Journalisten und EU-Abgeordneten als Märtyrer der Eurokratie.

Eine EU-Beamtengewerkschaft gründete inzwischen einen Solidaritätsfonds, grüne EU-Parlamentarier sammeln Unterschriften für ihn. "Für mich ist wichtig zu wissen, daß ich nicht allein bin", sagt van Buitenen. Das gebe ihm Kraft. Er gibt offen zu, daß ihn "die rigorose Reaktion" seines Dienstherrn überrascht hat. Über Weihnachten, als sein Anwalt in Urlaub und "die EU-Abgeordneten in Skiferien waren", bangte van Buitenen um seine Existenz, fiel er zu Hause fast in eine Depression. Die Frage, ob er sich nach den Erfahrungen der vergangenen Wochen ein zweites Mal offenbaren würde, beantwortet er nach einem Blick zu seinen Söhnen auf der Wohnzimmercouch: "Als Junggeselle - ja. Aber mit Familie würde ich es nicht noch mal wagen."

Aufgeben, widerrufen gar? Kommt nicht in Frage

Kommissionspräsident Jacques Santer beschuldigte am Montag im Straßburger Parlament seinen Untergebenen, sich "zum Richter aufzuspielen" und so die Aufklärung der Vorwürfe gegen seine EU-Behörde gar zu verzögern. Van Buitenen habe ja "nichts Neues" enthüllt. Das aber mochten jene Abgeordneten, die seit Monaten im Haushaltskontrollausschuß heikle Papiere über die EU-Skandale auswerten, so nicht bestätigen: Van Buitenens Dossiers seien "viel intensiver" als etliche der offiziell übermittelten Akten. Auch beim Europäischen Rechnungshof will man die Unterlagen des Holländers akribisch studieren. Dorthin hatte sich van Buitenen, den Kofferraum seines Autos voller Akten, vor Wochen geflüchtet, nachdem ihn Kollegen vor möglichen Racheakten der Behörde gewarnt hatten. Er bangte, unter Verweis auf Gewehre, Zielfernrohr und Schalldämpfer in den Händen des Sicherheitsdienstes der Kommission, um Leib und Leben, "auch um das meiner Familie". Die Gardinen vom Wohnzimmer bleiben zugezogen.

Deshalb schimpft mancher in der Kommissionsspitze den "Verräter" nun "paranoid". Nur, diesen Eindruck macht van Buitenen im Gespräch ganz und gar nicht. Nervös ist er, angespannt, in seiner Erschöpfung den Tränen bisweilen nahe. Doch er kann präzise und sachlich schildern, wie er zwei Jahre lang seine Vorgesetzten zur Aufklärung drängte über fragwürdige Verträge, sonderbare Rechnungen und obskure Ausschreibungen vor allem im Bereich der französischen Forschungs- und Bildungskommissarin Edith Cresson. Daß die alle Vorwürfe als "eine Kampagne der Rechten" denunziert, trifft van Buitenen nicht; er ist Mitglied der flämischen Grünen.