Weiße Wölkchen an tiefblauem Himmel, darunter greifen zwei gepflegte Männerhände fest ineinander: Richtig harmonisch ist das Bild, mit dem der Arbeitgeberverband Gesamtmetall seine Broschüre zur Tarifrunde 1999 schmückt. "Gegensätze kommen in Bewegung" steht drunter, "Partnerschaft" steht drüber, Miteinander erfolgreich lautet der Titel der kleinen Fibel.

Kein Zweifel, die Arbeitgeber wollten es in diesem Jahr einmal in einer anderen Tonlage versuchen, aber es will nicht recht gelingen. Ziemlich gereizt ist die Stimmung einen halben Monat vor Ablauf der Friedenspflicht, bald schon wird es wohl, ganz spontan natürlich, zu ersten massiven Protestkundgebungen der Werktätigen kommen. Und dann, das wurde bei der IG-Metall-Vorstandssitzung am Dienstag deutlich, könnte es sehr schnell gehen: Wenn sich bis zur Faschingszeit Mitte Februar keine Lösung abzeichnet, könnten bereits direkt nach den tollen Tagen die ersten regulären Streiks folgen. Das wär's dann mit der neuen Partnerschaft.

Daß die Lage so angespannt ist, liegt nicht nur an den unbescheidenen Lohnforderungen der IG Metall (6,5 Prozent), sondern auch an einem Ansinnen der Arbeitgeber, dem die Gewerkschaft gar nichts abgewinnen kann: Keine Lohnzahl für alle soll in diesem Jahr herauskommen, sondern ein differenzierter Tarifabschluß, der den unterschiedlichen Firmenkonjunkturen entspreche und so Arbeitsplätze sichern helfe. Dergleichen ist der IG Metall traditionell suspekt, und daß Gesamtmetall-Präsident Werner Stumpfe, der sonst seine Worte zu wägen weiß, die herkömmlichen Tarifverträge als "Reichseinheitsabschlüsse" abtut, macht die Sache nicht leichter. Die geschichtsbewußten Gewerkschafter empfinden solche Vergleiche als diffamierend, und deshalb schalten sie erst recht auf stur.

Zwar habe sich unterm Strich die Gewinnlage der Metallindustrie verbessert, räumt Stumpfe ein, doch sie sei so uneinheitlich, daß ein einheitlicher Abschluß eben nicht mehr passe. Ein knappes Fünftel der Unternehmen schreibe immer noch Verluste, weitere 17 Prozent schrammten an der Nullinie entlang. Andererseits erwirtschaften 31 Prozent der Unternehmen Umsatzrenditen von drei Prozent und mehr (siehe Grafik). Zudem würden die Risiken der erschlaffenden Konjunktur und der Krisen auf den Exportmärkten die verschiedenen Metallbranchen in diesem Jahr mutmaßlich sehr unterschiedlich treffen. "Verdienen alle gut oder alle schlecht, ist Tarifpolitik ziemlich einfach", sinniert Gesamtmetall-Geschäftsführer Thomas Vajna, "so aber sind entweder viele Unternehmen die Dummen oder aber viele Beschäftigte, sollte eine Lohnziffer für alle gelten."

Doch den Gesamtmetallern geht es um mehr, nämlich um die Zukunft des Flächentarifvertrages - und damit auch um die des eigenen Verbandes. Die lange avisierte Reform der Tarifpolitik soll endlich vorangetrieben werden. Bislang haben sich erst die Chemieindustrie sowie Textil- und Bekleidungsbranchen an eine ertragsabhängige Öffnung der Tarifverträge gewagt; vor allem kleinere und mittlere Betriebe haben davon Gebrauch gemacht. "Das Festhalten an den alten Inhalten und alten Formen des Flächentarifvertrages würde dazu führen, daß der alsbald völlig bedeutungslos ist", glaubt Stumpfe. Entscheidend sei, "was die Praxis braucht - und was sich die Praxis auch ohne uns holt". Denn natürlich weichen auch heute viele Betriebe von den Tarifnormen ab: die einen nach oben, viele aber auch nach unten, und das zumeist mit Wissen der IG Metall. Die Frage ist, "ob die Schweinereien innerhalb oder außerhalb des Tarifvertrages stattfinden", wie es einer schlicht formuliert.

Die Gesamtmetaller haben sich nun ein Dreikomponentenmodell ausgedacht, am 22. Januar soll ein konkretes Angebot daraus werden. Die erste Komponente ist eine prozentuale Anhebung der Tarife nach alter Art, die für alle Beschäftigten gilt. Teil zwei soll ein zusätzlicher Einmalbetrag sein, der aber, wenn sich Geschäftsleitung und Betriebsrat darauf einigen können, nicht oder zumindest nicht in voller Höhe gezahlt werden muß. Pikant daran: Dieses Verfahren setzt zwingend die Existenz eines Betriebsrates voraus - und den gibt es nach einer Erhebung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in 55 Prozent der tarifgebundenen Betriebe in Deutschland nicht. Der Vorstoß ausgerechnet der Metallarbeitgeber liefe mithin auf ein Förderprogramm für das Betriebsverfassungsgesetz hinaus.

Die dritte Komponente des Stumpfe-Vorschlages ist mittlerweile eher theoretischer Natur. Demnach soll die Höhe des Weihnachtsgeldes fortan von der Ertragslage des Unternehmens abhängen: Florierende Firmen zahlten mehr als bisher, die Fußkranken weniger oder gar nichts - wenn der Betriebsrat zustimmt. Dieses dritte Element ist ohne Zweifel das ehrgeizigste - so ehrgeizig, daß es, soviel ist bereits abzusehen, im Tarifabschluß dieses Jahres nicht auftauchen wird.