Amerika erlebt ein historisches Drama, und die Europäer sehen beunruhigt zu. Sie haben allen Grund zur Sorge, denn was sich in einem Jahr voller Enthüllungen und Peinlichkeiten zusammenbraute, wird sich nun entladen. Noch ist der Ausgang des Verfahrens zur Amtsenthebung des Präsidenten offen. Ein kurzer Prozeß mit einer Rüge für Bill Clinton erscheint ebenso möglich wie eine Dauerparade von Zeugen im Senat mit ungewissem Finale. Nur eines läßt sich schon heute vorhersagen: Die "unersetzliche Weltmacht" wird weiterhin ausgiebig mit sich selber beschäftigt sein, und die Machtverhältnisse in Washington werden neu austariert.

Diese Entwicklung eröffnet trübe Perspektiven für alle, die von den Vereinigten Staaten Führung auf einem unruhigen Globus erwarten. Schon der Anlaß des politischen Ausnahmezustandes in der US-Hauptstadt provoziert Bauchgrimmen. Muß ein Präsident, der sich nach einer törichten Liebschaft hinter Notlügen versteckte, tatsächlich wegen Meineids und Behinderung der Justiz unter Staatsanklage gestellt werden? Bei allen moralischen Ansprüchen an die Politik, in diesem Fall werden die Gesetze der Verhältnismäßigkeit eindeutig außer Kraft gesetzt.

Der Haß und der Vernichtungswille, die dem zweimal gewählten Präsidenten seit Monaten entgegenschlagen, nähren Zweifel an der Berechenbarkeit der politischen Klasse Amerikas. Auch die Mißachtung des Widerwillens der Mehrheit des Volkes gegen das Auswalzen des Sexskandals durch die Mehrheit der Volksvertreter läßt Schlimmes ahnen. Wenn schon Bonn als Raumschiff gilt, dann gleicht Washington derzeit einem selbstbezogenen Universum.

Dieser Zustand wäre leichter zu ertragen, wenn die Präsidentenjagd am Potomac nur amerikanische Opfer verlangte. Aber unter ihren Folgen leiden längst auch ferne Regionen. Die Welt hat das in jüngster Zeit mehrfach zu spüren bekommen. Früher gingen innenpolitisch bedrängte Präsidenten gewöhnlich auf Reisen (If in trouble, travel!); Bill Clinton hingegen ließ in seiner Not Raketen auf den Sudan und den Irak regnen. Mit einem angeschlagenen Oberkommandierenden der Supermacht, das zeigt die Parallelität von Skandalzuspitzungen und Angriffsbefehlen, ist nicht zu spaßen.

Verläßliche Außenpolitik? Vorläufig Fehlanzeige!

Stehen noch weitere Überraschungsschläge bevor? Das sollte nicht wundern, denn bis auf weiteres fehlen wichtige Voraussetzungen für eine kalkulierbare Außen- und Sicherheitspolitik Amerikas. Weder lenkt ein starker Präsident die äußeren Geschicke - es sei denn, Clinton würde durch Al Gore ersetzt -, noch steht ihm ein gelassener, verantwortungsbewußter Kongreß zur Seite. Statt einer berechenbaren Zusammenarbeit der außenpolitischen Kraftzentren ist in Washington eine Machtverschiebung zu befürchten: So mancher Möchtegern-Außenminister auf dem Kapitolhügel wird jetzt Blut wittern und die Demütigung des Weißen Hauses als Gelegenheit zu verstärkter Einflußnahme verstehen.

Wohin das führen könnte, hat die republikanische Mehrheit in den vergangenen Jahren oft genug spüren lassen. Die Arroganz der Supermacht offenbarte sich nirgendwo deutlicher als im Kongreß. Er hat seine Überheblichkeit bei der Mißachtung der Vereinten Nationen ebenso bewiesen wie beim Durchpeitschen der Nato-Erweiterung oder bei der extraterritorialen Anmaßung gegenüber Verbündeten, die Handel mit Kuba treiben. Multilateralismus gilt den meisten Volksvertretern als Schimpfwort; es sei denn, Washington kann ihn zu seinen Bedingungen praktizieren. Aber muß für die Welt gut sein, was gut ist für Amerika?