Schönreden hilft nicht mehr: Die Finanz- und Währungsturbulenzen der vergangenen eineinhalb Jahre haben die Weltwirtschaft weit härter getroffen als erwartet. Damit aber nicht genug. Die Krisen in Asien, Rußland und Lateinamerika haben auch das Vertrauen in die Weltwährungsordnung erschüttert. Politiker und Ökonomen in aller Welt fordern einen radikalen Kurswechsel.

Bundesfinanzminister Oskar Lafontaine und sein Chefideologe, Staatssekretär Heiner Flassbeck, gehören zur monetären Avantgarde. In ihren Augen sind die flexiblen Wechselkurse zwischen Dollar, Yen und Euro der Kern vielen Übels, eine der Ursachen für Massenarbeitslosigkeit und Wohlstandsverluste. Bonn will daher, daß Amerikaner, Japaner und Europäer Zielzonen, also feste Wechselkurse, vereinbaren. Endlich wäre, so ihr Credo, Schluß mit den desaströsen Folgen der Spekulation.

Lafontaines Rufe bleiben nicht ungehört. Japans Ministerpräsident Keizo Obuchi, derzeit zu Besuch in Europa, fordert eine neue Finanzarchitektur. Obuchis Gastgeber wollen ebenfalls nicht alles beim alten lassen. Und wenn Europas und Asiens Finanzminister an diesem Wochenende in Frankfurt zusammentreffen, wird das Thema - zumindest inoffiziell - eine Rolle spielen. Gut 25 Jahre nach dem endgültigen Kollaps des Systems von Bretton Woods - Währungen wie die Deutsche Mark waren an ein fest fixiertes Verhältnis von Gold und Dollar gekoppelt - ist auch unter Wissenschaftlern der Streit neu entbrannt: Welche Währungsordnung garantiert die besten ökonomischen Ergebnisse?

Der Disput füllt Bibliotheken. Bereits 1944 verurteilte der Ökonom Ragnar Nurkse flexible Wechselkurse als ineffizient. Das Gegenteil postulierte 1953 der amerikanische Nobelpreisträger Milton Friedman, dem staatlich verordnete Währungsparitäten ein Graus sind. Friedman und seine Schüler argumentierten erfolgreich. In den vergangenen zwanzig Jahren sind Dutzende Regierungen von festen auf flexible Wechselkurse umgestiegen. Ein Triumph für die Verfechter freier Märkte.

Doch die geraten nach dem jüngsten Finanz- und Währungschaos in die Defensive. Hoffnung machen Lafontaine und Co. der bisherige Erfolg des Euro. Einer seiner Vorteile ist es, daß Ausschläge europäischer Valuten der Vergangenheit angehören. Denn niemand bestreitet: Ein halbwegs stabiler, nicht hektisch springender Wechselkurs ist Voraussetzung für eine gesunde Ökonomie. Erratische Sprünge dagegen, die zuletzt vor allem das Verhältnis Dollar/Yen prägten, sind Gift für die internationale Arbeitsteilung, also für den Handel von Gütern und Dienstleistungen. Der vielfache Exportweltmeister Deutschland hat daher ein außerordentliches Interesse an ruhigen Devisenmärkten.

Das bezweifeln auch die Verfechter des Floatens nicht, in deren Augen sich der Wechselkurs wie ein ganz gewöhnlicher Preis aus dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage bestimmt. Nur, Stabilität müsse sich ein Land an den Finanzmärkten verdienen, sie sei eben nicht per Dekret von Politikern und Bürokraten zu erreichen. Vertrauen und Konstanz stellten sich dann ein, wenn ein Land nicht über seine Verhältnisse lebe und glaubwürdig die Inflation bekämpfe. Ihr Fazit: Wer eine vernünftige Politik betreibt, braucht die Spekulanten nicht zu fürchten.

Richtig daran ist: Sind die Weichen in der nationalen Geld-, Wirtschafts- und Finanzpolitik falsch gestellt, sieht es für die jeweilige Währung düster aus. Richtig ist aber auch: Die Finanzmärkte haben immer wieder Länder brutal abgestraft, obwohl sie auf dem richtigen Weg waren. Gerade auf kurze und mittlere Sicht neigen die Märkte zum Übertreiben, bisweilen mit schlimmen Folgen für Beschäftigte und Betriebe.