Er kann sich einfach nicht entscheiden. Der Dackel läuft mal hierhin, mal dorthin, eifrig schwanzwedelnd, und schleckt zwischendurch dem Kameramann die Hand ab. Heute wird über sein Schicksal entschieden, und der Richter ist kein Geringerer als Edward I. Koch, ehemaliger Bürgermeister von New York. Der Gerichtssaal sieht fast echt aus: Auf einem erhöhten Podium thront Koch in der schwarzen Robe, das Publikum sitzt auf Holzbänken, die streitenden Parteien stehen vor dem Richter, und im Vorraum hängt ein Porträt von Bürgermeister Rudolph Giuliani. Bloß: Es ist alles Kulisse fürs Fernsehen.

Court TV heißt die Sendung. Es sei eine Show, bei der es um "Unterhaltung und Erziehung" gehe, sagt Koch später, und die Produktionsfirma habe ihn engagiert, weil er der Inbegriff des New Yorkers sei. Die Show sei ein großer Erfolg, und er bekomme eine Menge Geld dafür.

Der Dackel ist der einen Familie weggelaufen, die andere hat ihn gefunden und gibt ihn nicht mehr her. "Das ist gar nicht deren Dackel, sonst hätten die viel eher nach ihm gesucht", sagt die Mutter, den Tränen nahe, und die Tochter sekundiert: "Er ist für mich wie ein Bruder." Die andere Mutter ist entrüstet: "Ihr seid Diebe!" ruft sie. Der alte Mann auf dem Richterstuhl legt die Stirn in Falten. "Da muß ich wohl König Salomon spielen", sagt er. Nun meldet sich die Oma, die ihn die ganze Zeit angestarrt hat: "Mister Koch", sagt sie mit zittriger Stimme, "mein ganzes Leben lang habe ich für Sie gestimmt ..." Koch unterbricht sie, ein bißchen zu rauh: "Das sagen alle, die hier vor mir stehen."

Ed Koch. Der Sohn armer jüdischer Einwanderer, der Bürgermeister der Hauptstadt der Welt wurde. Der dem krisengeschüttelten New York "Stolz und Optimismus zurückgegeben" hat, wie er von sich selbst sagt. Für dessen Feier zum 60. Geburtstag im Sheraton Hotel Baulöwen und Investmentbanker 2500 Dollar Eintritt zahlten. Vor dessen Schandmaul niemand sicher war. Ed Koch, der jeden Tag im Radio, in den Zeitungen, im Fernsehen seine Meinung kundtat. Der in der U-Bahn wildfremden Leuten die Hand schüttelte und fragte: "Wie bin ich als Bürgermeister?"

Koch mußte sich von ganz unten hocharbeiten

Midtown Manhattan, Sixth Avenue. In einem der oberen Stockwerke eines Wolkenkratzers ist das Büro von Robinson, Silverman und Partner, eine Kanzlei, die im Auftrag ihrer vermögenden Klienten dafür sorgt, daß die richtigen Leute in der Stadtverwaltung deren Telefonanrufe beantworten. Hier sitzt Koch an seinem Schreibtisch, wenn er gerade nicht im Fernsehen auftritt. Der Exbürgermeister ist ein hochgewachsener, massiger Mann, der ruhig und langsam spricht. Aber er ist offenbar noch genauso gefragt wie früher. Laufend werden Zettel hereingereicht oder Akten, während er die Fragen mit einer Routine, fast schon Abgebrühtheit beantwortet, der man die Erfahrung aus Zehntausenden von Interviews anmerkt. Er hat diesen Schutzwall um sich herum, wie viele Politiker: Geeignet, einer größeren Menschenmenge in einigem Abstand Herzlichkeit und Offenheit zu vermitteln, aber die Distanz verschwindet nicht, wenn man näher kommt. Ihm gehe es gut, sagt er. Auch der Stadt gehe es gut.

Ed Koch hat sich von ganz unten nach ganz oben gearbeitet. Sein Vater war ein polnischer Jude, Pelzhändler in der Bronx, der mit der Weltwirtschaftskrise arbeitslos wurde, so daß die Familie bei Verwandten in New Jersey unterkriechen mußte. Koch studierte nach Kriegsende Jura und begann seine politische Karriere in einem ultraliberalen politischen Club im Szenestadtteil Greenwich Village gegen die etablierten machine bosses, die Strippenzieher der demokratischen Partei.