Genau wie die Zukunft ist auch der Weltuntergang nicht mehr, was er einmal war. Im gleichen Maß, wie sich das Gefühl ausbreitet, wir seien fürs erste dem big bang entronnen, ist die Denkfigur der Apokalypse zu einer bloßen Metapher geworden. Es bedarf schon einiger Anstrengung, sich klarzumachen, daß die Nah-Erwartung eines drohenden Endes eine zentrale Kraftquelle für den politischen Protest war, von der Kampagne gegen den Atomtod über die Ökobewegung bis zur Nachrüstungsdebatte. Im Golfkrieg wurde der Realitätsverlust dieser Mentalität auch für den letzten Wohlmeinenden erkennbar. Sie läßt sich seitdem kaum noch aktivieren. Die pragmatische Ausnüchterung ist so sang- und klanglos vor sich gegangen, daß man sich fragen muß, ob ihr wirklich zu trauen ist.

Es könnte vielleicht helfen, den Komplex aus Endzeiterwartung und Protest jetzt, am Ende des Jahrhunderts, entschlossen zu historisieren. Hier ist ein Buch, das dazu einige scharfsinnige Vorstudien liefert: Anson Rabinbachs In the Shadow of Catastrophe (Im Schatten der Katastrophe).

Rabinbach, Professor für Geschichte in Princeton, vergleicht die Nachkriegsepochen des Jahrhunderts anhand symptomatischer Texte. Es ist höchst aufschlußreich, zu sehen, wie sich die Erfahrung der Apokalypse dabei innerhalb von nur drei Jahrzehnten radikal verändert: Erst wurde die Katastrophe herbeigewünscht, weil die Moderne ihre Versprechen nicht hielt; und als das Schlimmste dann endlich eingetreten war, wurde schließlich die Moderne selbst auf die Anklagebank gesetzt. Man hielt ihr nun vor, den Zivilisationsbruch nicht nur nicht verhindert, sondern sogar erst möglich gemacht zu haben.

Rabinbach demonstriert diesen Wandel an einigen Schlüsseltexten: Blochs und Benjamins Messianismus im Geist der Utopie und in den esoterischen sprachphilosophischen Schriften konfrontiert er mit Hugo Balls Kritik der deutschen Intelligenz. Die Karriere Hugo Balls, der mit Bloch zeitweilig befreundet war, ist eine der sprechendsten: Rabinbach erinnert daran, daß es in diesem Jahrhundert der Extreme sehr wohl möglich war, Dadaist, Pazifist, Katholik, "invertierter Nationalist" und schließlich Antisemit zu sein.

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wird anhand dreier Essays erkundet, die so noch niemals miteinander in Beziehung gesetzt wurden: Heideggers Brief über den Humanismus, Jaspers Schuldfrage und Adorno und Horkheimers Dialektik der Aufklärung. Das aufregendste Stück ist das letzte: Rabinbach rekonstruiert die Textgeschichte der Dialektik, um zu zeigen, wie sich den Autoren im Laufe ihrer Arbeit immer stärker die Frage des Antisemitismus in den Mittelpunkt des Interesses rückte. "Die Elemente des Antisemitismus", so Rabinbach, "machen zuletzt die Juden selbst für ihr Schicksal verantwortlich." Rabinbach fragt, ob Adorno "hier von einer Beschreibung der paranoiden Projektion des Antisemiten, der den Juden als Verkörperung des Tabus betrachtet, zu dem Glauben übergegangen ist, daß es die Juden selber seien, die die antisemitische Reaktion hervorrufen". Das Volk, das das Bilderverbot in die Geschichte brachte, zieht gerade dadurch den Haß derjenigen auf sich, die gegen diese Zumutung rebellieren. Daher die Obsession des Antisemitismus mit einem bestimmten "Bild" des Juden: "Insofern als die Juden für das Verbot des Abbilds verantwortlich sind, evozieren sie zugleich das Tabu in ihren Gegnern, die wiederum die Techniken der Mimesis benutzen, um sie zu vernichten."