Der 16. Januar 1969 war ein Donnerstag ohne Aussicht auf Besserung. Beinahe fünf Monate schon standen die sowjetischen Okkupationstruppen in der Tschechoslowakei. Unter dem Moskauer Diktat starb der Prager Frühling jeden Tag ein wenig weiter ab. Der Winter kroch bis in die nur dürftig beheizten Wohnungen. Ich fror über meiner Reportage vom kommunistischen Jugendkongreß. Er hatte sich noch einmal aufgelehnt und den demokratischen Sozialismus verteidigt. Auch die Bevölkerung zeigte den Besatzern weiter die kalte Schulter. Aber sie war schon auf dem Weg zurück zu den drückenden Alltagsproblemen.

Nachmittags gegen halb vier verließ ich meine Wohnung am Nationalmuseum, um den Artikel von der nahen Hauptpost per Telex nach Deutschland zu tickern. Nach etwa hundert Schritten schreckte mich eine Bewegung an der gegenüberliegenden Seite des Wenzelsplatzes auf. Einen Moment lang schienen zwei Gestalten miteinander zu ringen. Flammen schlugen um sie. Dann verschwand alles in einem Knäuel Menschen. Bis ich die Kreuzung zwischen Reiterdenkmal und Museum überqueren konnte, war das Gewoge erstarrt. Die Menschen umringten ein Bündel unter einem Mantel. "Er lief und schrie: ,Es brennt!' - dabei brannte er selbst", schüttelte sich eine Frau im Weinkrampf. - "Einer von der Straßenbahn hat die Flammen mit seinem Mantel erstickt", wurde von der ersten Reihe durchgegeben. "Der Verbrannte muß noch jung sein."

Ein Sanitätswagen bahnte sich den Weg, wie am 21. August, dem blutigen Tag des Einmarsches. Von Palach sah ich nur noch den Mantel auf der Bahre. Auf den Gesichtern ringsum spiegelte sich nur hilflose Verzweiflung, kein fragendes Entsetzen. Noch kannte niemand das Opfer, aber jeder verstand das Fanal. Binnen Stunden ging die Nachricht um die Welt. Jan Palach, 21jähriger Philosophiestudent, hatte sich in einer Passage mit Benzin übergossen und war als brennende Protestfackel über den Wenzelsplatz gelaufen.

Fünfeinhalb Jahrhunderte lang hatte die Verbrennung eines Magisters der Prager Universität, des Reformers Jan Hus, auf dem Konstanzer Scheiterhaufen die Geschichte Böhmens mitbestimmt. Aber nie seit tschechischem Gedenken hatte sich ein Mensch in diesem von politischen Verzweiflungen geprüften Lande selbst entzündet. Buddhistische Mönche gaben sich den Flammentod, um gegen den Vietnamkrieg zu protestieren: in Asien. Doch nun war der Funke auf Europa übergesprungen, wo die Religionen zwar oft das Morden, niemals aber den Selbstmord gutgeheißen hatten.

In einem mitgeführten Brief bezeichnete sich der Student als "Fackel Nr. 1": "Wir fordern, sofort die Zensur aufzuheben und den Vertrieb der (Okkupantenzeitschrift) Zpravy einzustellen ... Wenn das Volk nicht mit genügender Unterstützung auftritt ... werden weitere Fackeln brennen."

Jan Palach, der noch 72 Stunden lebte, hatte den Tod nicht gesucht. "Ich bin kein Selbstmörder" waren seine ersten Worte in der Klinik. Mit zerstörten Stimmbändern wisperte er den Ärzten zu: "Ich habe damit gerechnet zu überleben, aber das Sterben nicht ausgeschlossen." Einmal sagte er: "In der Geschichte kommt der Moment, wo etwas geschehen muß." Und: "In Vietnam hat es geholfen."

Sein Leiden erduldete der Patient klaglos. Nur eine Frage quälte ihn. "Hat die Regierung schon etwas unternommen? Beginnt man, unsere Forderungen zu erfüllen?" wollte er wissen. Er bat seine Betreuer, aus den Zeitungen vorzulesen. Wie zur Kontrolle ließ er sich die Blätter auch noch vor die verquollenen Schlitze halten, hinter denen seine Augen kaum noch hervorschauten.