Alte Linke als neue Rechte: Horst Mahler, Ex-RAF-Terrorist der ersten Stunde, und Bernd Rabehl, einst nach Rudi Dutschke die Nummer zwei im inner circle des SDS, erregten Aufmerksamkeit im Nachrichtenloch zwischen den Jahren. Mahler hat sich ins Fähnlein jener Freiheitskämpfer eingereiht, die das von "Kollektivschuld-Theoretikern" geknechtete deutsche Volk vor seiner endgültigen Auslöschung durch das geplante rot-grüne Staatsbürgerschaftsgesetz retten wollen. "Ich kann nur sagen: Ich habe keinen Juden umgebracht und sehe daher auch keine persönliche Schuld. Diese Einstellung prägt die heranwachsende Generation", hielt er im Interview mit dem Magazin Focus (vom 28. 12. 98) den "Meinungssoldaten" im Dienste von Ignatz Bubis vor.

An derartige ressentimentgeladene Beteuerungen verfolgter Unschuld hat man sich im Verlauf des letztjährigen Martin-Walser-Spektakels gewöhnen müssen. Wie auch an die bizarre Tatsache, daß sich längst ergraute Veteranen einer vor Unzeiten einmal neuen Linken als Sprachrohr der geknebelten jungen Menschen in unserem tief gedemütigten Vaterland aufzuspielen versuchen. Mahlers Dreistigkeit aber sucht ihresgleichen. Hat er sich doch Anfang der siebziger Jahre von einer besonders militanten PLO-Gruppe für den bewaffneten Kampf gegen "Imperialismus und Zionismus" ausbilden lassen. Damit war ja wohl nichts anderes gemeint als das Umbringen von Juden.

Wenn Mahler persönlich kein Menschenleben auf dem Gewissen hat, ist das der deutschen Justiz zu danken, die ihn frühzeitig in Gewahrsam nahm. Seinem Eifer, das Volk von jüdischen Unterdrükkern zu befreien, hat seine Haftzeit freilich keinen Abbruch getan. Nur daß er nicht mehr die Solidarität mit Palästinensern vorschiebt. Es ist jetzt das deutsche Volk selbst, dem von "staatstragenden Parteien und dem Zentralrat der Juden" das "Recht auf Heimat" bestritten werde. Mahler will deshalb eine "Sammlungsbewegung" gegen doppelte Staatsbürgerschaften gründen, an der auch Leute wie der "Ex-NPD-Chef Deckert" teilnehmen dürfen.

Teilnehmen würde an so was bestimmt auch die nationalrevolutionäre Wochenzeitung Junge Freiheit, in der jüngst eine bemerkenswerte Rede des Berliner Soziologen Bernd Rabehl abgedruckt wurde. Rabehl warnt darin vor der "politischen Überfremdung" und der "grundlegenden Zerstörung von Volk und Kultur". Die Zuwanderung von "fundamentalistisch ausgerichteten Volksgruppen" sei besonders gefährlich, "wenn die Zersetzung der nationalen Identität bereits so weit fortgeschritten ist durch die kapitalistische Umwertung der Werte wie in Deutschland". Er sieht sich mit solchen Verlautbarungen als authentischer Erbschaftsverwalter Rudi Dutschkes, der die Linke schon immer für den nationalen Widerstandskampf gegen fremde Besatzungsmächte habe mobilisieren wollen. Daß ihn die Junge Freiheit vereinnahmt, ist ihm angeblich peinlich.

Warum bloß? Als Linker, der das antikapitalistische Potential der nationalen Frage entdeckt, ist er dort gut aufgehoben. Der Junge Freiheit-Chefredakteur Dieter Stein bemüht sich seit Jahren intensiv darum, alte "nationalbolschewistische" Bündnisse aus der Weimarer Zeit aufleben zu lassen. Rabehl hielt seinen Vortrag bei einer Veranstaltung der Burschenschaft Danubia, in der - für die neue Rechte war die DDR das bessere, weil deutschere Deutschland - gerne auch einmal die alten FDJ-Lieder geschmettert werden. Diese Einladung zum rechtslinken Nationalpalaver hatte ihm eine Gruppe ostdeutscher Jusos verschafft, die sich nostalgisch "Hofgeismarkreis" nennt. Das Original gleichen Namens war ein Zirkel national gesinnter SPD-Leute in der Weimarer Republik und ihr berühmtester Teilnehmer Ernst Niekisch, jener legendäre Pendler zwischen den politischen Extremismen, der um der Gesundung des deutschen Volkstums willen mit den Kommunisten zum apokalyptischen Endkampf gegen den dekadenten Westen antreten wollte.

Daß verbitterte Größen der 68er-Bewegung auf Niekischs Spuren wandeln, mag nicht mehr als eine obskure Randerscheinung sein. Und doch ist es symptomatisch für die neue ideologische Unübersichtlichkeit. Die Berliner Republik startet mit linker Hegemonie, aber das Gewurstel von Rot-Grün gibt für Systemüberwindungsträume nichts her. Das konservative Lager sieht alt und schlapp aus, Schröder besetzt populistisch sogar das Thema "selbstbewußte Nation". Was liegt angesichts solcher Desorientierung näher, als daß Frustrierte von beiden Seiten ihre Kräfte erst einmal zusammenwerfen? Die Rechte hat kapiert, daß sie sich nirgends blicken lassen kann, wenn sie sich nicht mit prominenten linken Federn schmückt. Und immer mehr verunsicherte Linke entdecken das nationale Erweckungsdenken als ultimativen Hebel gegen den verhaßten Marktliberalismus und "Amerikanismus".