Ein Baron möchte Musik hören und wendet sich an die Fachkraft: "Bester Herr Kapellmeister, oh, phantasieren Sie uns doch eins!" Die Fachkraft heißt Johannes Kreisler, ist ein literarischer Spiegel E.T.A. Hoffmanns und hat soeben wenig Lust auf Phantasie. An den Flügel bequemt er sich erst, als der Teufel in Menschengestalt erscheint und Bach aufs Notenpult legt. Den Anfang klimpert Kreisler vor sich hin, doch am Ende gerät er in Ekstase, schreibt Hoffmann in seiner Kreisleriana, das Spiel wird zum Nachtmahr, und "elektrisches Feuer fuhr durch die Fingerspitzen in die Tasten".

Der 27jährige Russe Jewgenij Kissin, dem pianistischen Wunderknabenalter längst glücklich entwachsen, hat diese Passage nicht nur gelesen, er hat sie begriffen. In Satz 7 seiner Aufnahme von Robert Schumanns Kreisleriana (RCA/BMG Classics 09026 68 911), wo der Fugenteufel Bach seine kontrapunktischen Hörnchen zu spitzen scheint, jagt er einen Ionenstrom durch den Flügel. Andere spielen das brav und wohlgesetzt; Kissin macht Schumanns neobarocke Miniatur zum verblüffenden Als-ob-Geniestreich: über Bach, der in die Zentrifuge gerät und doch wie Bach klingt. Damit huscht die Passage vorbei als fremdhafter Moment in einem Zyklus, in dem ohnedies nichts aufeinander paßt - die Welt der Kreisleriana scheint Fiebernotizen entsprungen. Synkopen schlagen fahrig nach, Rhythmen taumeln, Ruhezonen öffnen sich beängstigend. Kissin bändigt das mit wundervoller Einsicht in Schumanns gebrochene Poesie. Er unternimmt Ausritte ins Extreme und landet doch nie im Manierismus der Brillanz.

Vor Jahren noch mußte man bangen, daß Kissin über altkluge Donnergesten und angelernte Schablonen der Bravour nicht hinauskommt. Doch jetzt bestürzt er durch Einsichten - etwa die, daß Schumanns tönende Gedichte schweres Geschütz nur auffahren, weil sie in ihrer Substanz so zerbrechlich sind. Indem er die Anfälligkeit hinter dem Schwung spüren läßt, trifft er das nervöse Herz der Musik - pochend, polternd, rasend, dem Infarkt nahe.

In Ferruccio Busonis Bearbeitung von Bachs Violin-Chaconne d-Moll ist zarte Wahlverwandtschaft der Meister außer Kraft gesetzt. Bach wird nun zum Lieferanten, dem Busoni das Material gefräßig aus der Hand reißt und für Klangräume nutzt, die aus schwarzen Balken gebaut sind. Hier darf Kissin den eiskalten Klaviertechniker spielen, den Exekutor. Fingerspitzen werden zu Baggerhänden, die durchs Erdreich der Noten schaufeln. Akkordarbeit, das Hohelied der Mechanik. Die Fachkraft Kissin ackert, doch schwitzt sie nicht - sie triumphiert.