London

Da saß Tony Blair im Fernsehstudio, braun gebrannt vom Urlaub auf den Seychellen, locker, lächelnd, so als sei nichts geschehen, als habe er nicht gerade binnen weniger Wochen mehrere Minister und dazu noch mit Peter Mandelson seinen wichtigsten politischen Weggefährten verloren; als schrien die Schlagzeilen der Presse nicht jeden Tag neue Skandalstories heraus. Mal geht's um Sex, Lügen und eheliche Untreue wie im Fall von Außenminister Robin Cook, der sich trotz seiner Gartenzwerg-Physiognomie als Don Juan der britischen Politik entpuppt; dann wieder suggerieren Enthüllungen, daß New-Labour-Politiker nicht gegen die Verlockungen von Macht und Mammon gefeit sind. Was tut Blair angesichts der "schwärzesten Wochen" seiner 20 Monate als Premier? Er winkt ab und verlangt, die Medien mögen sich doch endlich auf die Dinge konzentrieren, die die Menschen wirklich berühren, auf die wirtschaftliche Lage, auf Erziehung, das Gesundheitswesen und den Kampf gegen Verbrechen. Daran möge man seine Regierung messen.

Es ist nicht nur eine gehörige Portion Chuzpe, die Tony Blair so ungerührt in die Fernsehkameras schauen läßt. Der Premier weiß, daß sich seine Regierung nach wie vor erstaunlicher Popularität erfreut. Mag die britische Presse auch den Abgesang auf New Labour angestimmt haben und über weitere Ministerrücktritte, ja das Auseinanderfallen der Regierung spekulieren - die Unkenrufer werden durch die Fakten widerlegt. Drei neue Umfragen, allesamt nach dem Rücktritts-Schlamassel erhoben, verheißen Labour, würde jetzt gewählt, eine noch gewaltigere Unterhausmehrheit als nach der letzten Parlamentswahl im Mai 1997. Gewiß, Erhebungen sind keine Wahlen, und bei den diversen Urnengängen dieses Jahres in Schottland, Wales und Europa muß Labour mit Dämpfern rechnen.

Doch ein Vergleich mit früheren Regierungen belegt die außergewöhnliche Position der Blair-Regierung. Margaret Thatchers erste Administration wäre nach 20 Monaten Amtszeit selbst von einer desolaten Labour-Partei geschlagen worden. Unter John Major lagen die Tories nach 20 Monaten um 22 Prozent hinter der Opposition zurück. Tony Blair dagegen braucht den politischen Gegner nicht zu fürchten: Die konservative Opposition wird auf absehbare Zeit unwählbar sein. Die Wirkung des vierten Standes aber, des viel gefährlicheren Widersachers, ist offenkundig begrenzter, als die Medienstrategen in 10 Downing Street befürchtet haben: Die Tiraden der britischen Presse werden von den Wählern weitgehend ignoriert. Zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung reißt nun auch in Großbritannien eine tiefe Kluft auf. Wie in den Vereinigten Staaten kann das Wahlvolk auch durchaus zwischen privatem Fehlverhalten und der Fähigkeit im politischen Amt unterscheiden. Doch braucht Cook trotz des Charaktermordes durch seine Ex-Ehefrau nicht eine Minute um seinen Job zu bangen. Der Premier denkt gar nicht daran, seinen Minister fallenzulassen.

Blairs Politik überstrahlt Sex, Lügen und Untreue

Schon oft ist das Ende der Flitterwochen zwischen Blair-Regierung und Wahlvolk herbeigeschrieben worden. Eine deutsche Zeitung verkündete im vergangenen Sommer im Brustton der Überzeugung, bei Tony Blair sei nun endgültig "der Lack ab". Die persönlichen Popularitätswerte des Premiers, aber auch die seiner Partei, stiegen allerdings, entgegen dieser düsteren Prognose, über Monate hinweg weiter an. Aus derartigen Vorhersagen spricht vermutlich eine journalistische Aversion gegen ungewöhnlich populäre Regierungen. Es bereitet einfach mehr Lust, Regierungschefs und Minister im Belagerungszustand zu beobachten, unter Druck von außen, angsterfüllt, defensiv und verzweifelt um den Erhalt ihrer Macht ringend. Zumindest erwartet die Presse von einer "normalen" Regierung, daß sie spätestens in der Mitte der Legislaturperiode vom sogenannten "Midterm Blues" heimgesucht wird und um ihre Chancen auf Wiederwahl bangen muß. Tony Blairs New Labour ist irritierenderweise auch hier dabei, vertraute Regeln der Politik außer Kraft zu setzen. Alle von der Presse markierten "Wendepunkte" erwiesen sich bislang als Episoden, deren Wirkung schnell verpuffte.

Gewiß halten die Meinungsforscher ein paar Botschaften parat, die Blair und seine Minister sorgenvoll stimmen sollten. Den Wählern gilt New Labour heute als weniger vertrauenswürdig und uneiniger denn zuvor. Doch das Gesamtbild bleibt positiv. Blair, Strahlemann und Saubermann zugleich, hebt sich deutlicher als früher von seinen Ministern ab, deren Ruf durch Affären und Amouren gelitten hat.