Keine Frage, regieren kann die Union. In Bonn hat sie das 36 Jahre lang unter Beweis gestellt. Vielleicht löste gerade deshalb die Ankündigung von Wolfgang Schäuble einiges Erstaunen aus, man werde jetzt "den Widerstand in der Bevölkerung mobilisieren". Klar, auch Opposition will gelernt sein. Aber Schäuble, der langjährige Kronprinz, in der Apo-Rolle? Das erinnert ein wenig an die frühen siebziger Jahre, als man schon einmal den Widerstand mobilisierte, damals gegen die neue Ostpolitik - ein großes Kapitel aus der Unions-Geschichte. Dabei hatte sich die Parteiführung nach der Niederlage vom 27. September fest vorgenommen, die Fehler von damals nicht zu wiederholen.

Als "getroffene Hunde" hat Schäuble beim Wahlkampfauftakt in Hessen diejenigen bezeichnet, die seine Idee einer Unterschriftenkampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft kritisiert haben. Und schon wieder erschrickt man ein wenig über die Wortwahl Schäubles, der in der Vergangenheit als eine Art nachdenklicher Diskursführer des Bonner Betriebs fungierte. Jetzt sieht er, wohl in einem Anfall oppositioneller Regression, "die Linken" am Werk, die ihm die schöne Kampagne verleiden wollen. Wen meint er bloß? Die Kirchen, die Jungen Wilden, die FAZ? Dabei haben Schäuble und der Vorstand seiner Partei die Kritik am Ende doch so ernst genommen, daß sie auf ihrer Klausurtagung in Königswinter ein richtiges Multikulti-Papier verabschiedet haben. So entschieden hat die Union nie zuvor für ein gedeihliches Miteinander von Deutschen und Ausländern geworben. Von Mobilisierung, Volk und Widerstand ist nicht mehr die Rede.

Michel Glos jedenfalls, dem Chef der CSU-Landesgruppe in Bonn, scheint das Integrations-Papier der CDU so sehr gefallen zu haben, daß er sich spontan vorstellen konnte, CSU und CDU könnten ja auch mit unterschiedlichen Texten auf Unterschriftensammlung gehen: die Weicheier von der CDU für Integration, die CSU gegen die doppelte Staatsbürgerschaft? "Das wäre nicht schlimm, das kann so sein, das muß nicht so sein", sagt Glos einschränkend. - "Die Möglichkeit sehe ich nicht", sagte Fraktionsvize Jürgen Rüttgers. Wie auch? Der ehemalige Zukunftsminister hat eine neue Aufgabe gefunden. Er soll den gemeinsamen Textvorschlag erarbeiten, unionsübergreifend, für die Integration und ein klein wenig dagegen.

Ganz andere Probleme treiben den hessischen CDU-Vorsitzenden Roland Koch um. Es sind Terminprobleme. Am 7. Februar ist Hessenwahl. Koch möchte jetzt schon, noch bevor sich irgendwer auf irgendeinen Text verständigt hat, mit der Mobilisierung beginnen. Denn in der Bevölkerung wächst der Druck, mit der Unterschriftenkampagne endlich zu beginnen, heißt es in der Hessen-CDU. Wir glauben's gern.

Nur in der CDU selbst hält sich die Vorfreude in Grenzen. "Auf die lange Bank schieben" war das erste, was Volker Rühe zu der Kampagne einfiel. Süssmuth, Geißler, Wulff, von Beust, Anette Schawan oder die jungen CDUler im Deutschen Bundestag würden am liebsten gleich auf einen Kompromiß mit der rot-grünen Koalition zusteuern, der die ganze Aktion überflüssig machen würde.

"Dummes Zeug", warnt Michael Glos. Und in der Tat, wäre das noch richtige Opposition, so wie sie Roland Koch definiert: laut, deutlich, handfest, kampagnenfähig? Koch muß es wissen. Schließlich hat die CDU in Hessen das Opponieren gelernt, jahrzehntelang. Selbst in der CDU ist inzwischen zu hören, das solle auch in Zukunft so bleiben. Auch nach dem 7. Februar.