Fest mußte Roman Herzog zupacken, als ihm bei der "Fontane-Gala" im Schloß Bellevue der Schauspieler Gert Westphal im letzten Herbst die Fontane-Ausgabe der Deutschen Grammophon überreichte: 75 Langspielkassetten in 13 Hörbüchern mit einer Laufzeit von guten 100 Stunden - und alles vom "Vorleser der Nation" selber ins Mikrophon gesprochen. "Da hätten Sie ja beinahe einen Kran gebraucht", scherzte der Bundespräsident, als Westphal ihm diesen Schmuck-Kasten akustischen Konfekts in die Hände legte.

Wie viele Kräne werden am Ende dieses Goethe-Jubiläums-Jahres vor dem Amtssitz des neuen Präsidenten (oder doch noch einer Frau?) auffahren müssen, wenn dem Staatsoberhaupt die auf CDs und MCs gesprochenen Werke des Dichters - vielleicht nicht ans Herz, so doch ins Ohr gelegt werden?

Die zu Recht berühmte Hamburger Verwertungsgesellschaft für Wort & Ton, Musik & Literatur samt ihrem Zelebranten Westphal ist auch im neuen Jahr geschäftig, auch wenn, bei Goethe, der vollmundige Werbespruch dem Ohr weh tut: "Zum 250. Geburtstag des Weimarer & Deutsche Grammophon Klassikers". Der Grammophon-Goethe stellt sich schon zu Jahresbeginn dar auf 38 Compact Discs in 12 bibliophilen Bänden:

Faust in den Inszenierungen von Gründgens für Düsseldorf (Teil I) und Hamburg (Teil II); Iphigenie (Salzburger Festspiele 1957 mit Maria Becker, Balser, Quadflieg); Stella (Hamburg 1965 mit der schönen Stimme von Aglaja Schmid); Hermann und Dorothea (Maria Wimmer); Märchen (Marianne Hoppe); Gedichte (Auswahl; Hoppe, Quadflieg); Reineke Fuchs (mit dem wundervoll raunenden Erich Ponto); Wilhelm Meister, Wahlverwandtschaften, Novelle (alle von Westphal).

"Neu" im eigentlichen Sinn ist nur die vom Ehepaar Westphal produzierte CD über die "Liebes- und Ehegeschichte" von Goethe und Christiane Vulpius - und das ist nun die "älteste" Produktion geworden, wie schon der Titel verrät: Lieber Geheimerath ... Mit Gedichten, Brief-Zitaten, Tagebuch-Notizen und Auszügen zeitgenössischer Dokumente entsteht ein anbiederndes Hörbild. Da ist Goethe "der Genius mit seiner überschweren Lebensaufgabe", bleibt das kleine Blumenmädchen "ein beglückendes Wesen aus unverbildeter Natur". Hier wird, wohlmeinend, in matten Farben, an einem verblichenen Bildchen von Liebe & Ehe weitergepinselt. Auch hat die Stimme des an Fontane und Thomas Mann erprobten Schauspielers eine solche Fülle an ironischen Unter- und Obertönen gewonnen, daß es manchmal wie Parodie wirkt, wenn der fast Achtzigjährige mit knallenden Konsonanten, sich auf Vokalen ausruhend, die gehetzten Verse, die hitzigen Geständnisse eines frisch Verliebten spricht.

Ist dem nur auf den Schönklang seiner Stimme bauenden Sprecher, der für jüngere Kollegen nur Verachtung hat ("Regisseure wie Zadek lehnen im Grunde Schauspieler ab, die gut sprechen", so im Januarheft der Hörwelt; Heger Straße 27, 49074 Osnabrück; 66 S., 5,80 DM) - ist da dem verehrten "Vorleser der Nation" ("an dem Titel trage ich schwer genug") nicht das Gefühl für Zeitgenossenschaft und junge Hörer etwas abhanden gekommen?

Weshalb hat man bei den meisten der Tondokumente der Deutschen Grammophon den Eindruck, hier würden jahrzehntealte Aufnahmen aus dem Archiv aufpoliert? Auch dies: willkommene Gaben im Gedenkjahr. Doch gibt es zu denken, daß nur eine einzige Produktion, die mit einem jüngeren Schauspieler, keinen "Klassiker" zelebriert, sondern den heißen Atem eines bis heute lebendigen Menschen verströmt - wenn Hans Kremer mit Werther leidet.