Auf der Rückreise von einer Ausstellung liest man den Katalog. Wenn aber der Ort des Besuches Weimar ist, geht man ins Antiquariat und steigt mit einer vergilbten Ausgabe von Goethes Gesprächen mit Eckermann in den Zug. Eine Ausstellung mit dem Titel Auffrischender Wind aus wechselnden Richtungen im wieder eröffneten Landesmuseum von Weimar und die dazugehörenden Plaudereien hat man hinter sich, die Plaudereien von damals vor sich. "Die Sache ist sehr einfach", zitiert Eckermann Goethe unter dem Datum vom 16. Februar 1827, "und so am Einfachen, Durchgreifenden halte ich mich und gehe ihm nach, ohne mich durch eigene Abweichungen irreleiten zu lassen. Hohes Barometer: Trockenheit, Ostwind; tiefes Barometer: Nässe, Westwind; dies ist das herrschende Gesetz, woran ich mich halte."

Die Kunst der Meteorologie gehört zum Metier des Galeristen. Paul Maenz, Jahrgang 1939, hat dieses Geschäft in Köln 20 Jahre lang erfolgreich betrieben, zog sich 1990 nach Berlin zurück und las 1992 am Strand von Teneriffa vom Raub von acht Cranach-Bildern im Schloßmuseum Weimar. Dem verzweifelten Museumsdirektor Rolf Bothe, der seinerseits gerade von Berlin nach Weimar gezogen war, bot er kunstkompensatorischen Trost in Gestalt seiner eigenen Sammlung. Bothe, "kein Spezialist für zeitgenössische Kunst, aber ein Spezialist für Aufbauarbeit" (Maenz), griff zu, wie es so heißt, und in diesem Falle hieß es, daß er ein Haus für die Sammlung Maenz fand. Er organisierte die Renovierung, um nicht zu sagen den Wiederaufbau des 1886 errichteten großherzoglichen Museums, das bei der Gründung in erster Linie dem Werk des Weimarer Malers Friedrich Preller gewidmet war, in den zwanziger Jahren ein umstrittener Ort der Avantgarde, von 1933 bis 1937 dem NS-Statthalter Fritz Sauckel als Amtssitz diente und nach der Bombardierung 1945 von den DDR-Behörden dem Zerfall überlassen wurde. Für 23 Millionen Mark wurde der Neorenaissancebau wiederhergestellt, in der Silvesternacht 1998/99, als auch das Jahr der europäischen Kulturhauptstadt begann, das Neue Museum eröffnet.

Aufbauarbeit oder: Du hast keine Chance, also nutze sie und gründe das Museum Maenz. In Zahlen sieht das so aus. Die knapp 300 Bilder und Objekte und gut 300 Zeichnungen, die Maenz zur Verfügung stellt, sind, bei einem angenommenen Wert von 20 Millionen Mark, zu einem Viertel geschenkt, zu einem Viertel von Weimar gekauft, zur Hälfte als Dauerleihgabe qualifiziert. Die Cranach-Bilder sind übrigens wieder an ihren Platz im Schloßmuseum zurückgekehrt, glücklicherweise.

Das Museum, mit dem der Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach zum einen eine alte Idee von Goethe verwirklichen und zum anderen den Stadtraum erweitern wollte, liegt auf dem halben Weg zwischen dem Bahnhof und der Innenstadt. Auf dem rechten Sockel der Freitreppe, die zum zweigeschossigen Bau hinaufführt, grüßt goldglänzend Thomas Schüttes Großer Geist. Ein monströser Unhold, geklont aus den Genen des Michelinmannes und der Familie der Schlümpfe. Eine hochkarätige Platitüde. Denken wir. Und werden aber bei einem Gang durch die Stadt nachträglich eines didaktisch Besseren belehrt. Nein, nicht durch Goethe/Schiller im Doppeldenkmal. Sondern: Gleich vor dem Haus am Frauenplan ruht in einer kleinen Grünanlage der dunkle, schwere Riese von Walter Sachs. Der stiernackige Kopf, die Knie und Arme ragen aus dem Boden, der Rest ist unterirdisch. Geist und Riese ergeben keinen Geistesriesen, aber doch einen deutsch-deutschen Widerklang.

Im Treppenhaus durch die Kunstzeiten

Hinein ins Haus, und schöner geht es nicht. Pipilotti Rists grotesk große, quietschbunte Sitzgarnitur (Sofa, Sessel, Stehlampe) steht vor Sol Lewitts schwarzen und grauen Wandbemalungen, die, in horizontale und vertikale Blöcke aufgeteilt, bei längerer Betrachtung Asymmetrien des Geometrischen preisgeben. Und dann fällt der Blick auch schon ins Treppenhaus, wo Goethe und Psyche, eine Monumentalskulptur von Bettina von Arnim, in einer Wandnische über dem ersten Treppenabsatz thront. "Ich habe in den letzten Tagen viel gezeichnet und eine Statue des Goethe zur Welt gebracht, die sich gewaschen hat", berichtete die Mehrfachkünstlerin ihrem Mann Achim von Arnim. Aber als sie die Ausführung des Entwurfs durch den Rauch-Schüler Steinhäuser sah, zeterte sie: "Solch ein Monstrum und solch einen Knirps soll ich erdacht haben?!"

Pipilotti und Bettina, Sol Lewitt und Daniel Buren, der das Treppenhaus in bewegte Schwerelosigkeit auflöst durch Spiegelwände an der rechten Seite und alternierende Streifen aus freigelegtem hellgrauem Mauerwerk und Stege des weißen Wandputzes an der linken Seite: So heiter und intelligent kann Kunst heute replizieren auf die Vergangenheit und dabei doch ihre eigene Identität zwanglos behaupten. Ein eigener Ton ist damit angeschlagen im Neuen Museum Weimar, der natürlich nicht durchzuhalten, nicht in allen Räumen vernehmbar ist.