Los Angeles.

Die große zivilisatorische Wohltat des Fernsehens ist seine Fähigkeit, Nicht-Glotzern eine zweite Chance zu geben. Alles, was je eine Kamera irgendwo aufgezeichnet hat, wird so lange wiederholt, bis es jeder gesehen hat. Im audiovisuellen Delta der 100 Kanäle geht nichts verloren.

Wer sich mangels Zeit oder Interesse bisher nicht eingehend genug mit dem Amtsenthebungsverfahren gegen den amerikanischen Präsidenten Clinton beschäftigt hat, braucht deshalb nicht zu verzweifeln. Es genügt, sich drei Tage lang die Nachrichtensendungen und Talk-Shows der großen amerikanischen Fernsehsender anzuschauen, um mehr über Reizunterwäsche, präsidiale Toiletten, ungereinigte Cocktailkleider und ungerauchte Zigarren zu erfahren, als ein gesunder Mitteleuropäer wissen möchte.

Die Sendungen tragen 50 verschiedene Namen, aber im Grunde könnten sie alle Impeach TV heißen. Das immergleiche Rezept : Logo, Musik, Weißes Haus, Blick in den Kongreß (bis Ende Dezember) oder Senat (seit Anfang Januar), Männer mit Aktenkoffern, Männer vor Mikrofonen, besorgte Mienen, bedrucktes Papier. Und dann, im Fernsehstudio, die üblichen Verdächtigen: zwei Senatoren (bis Ende Dezember: Abgeordnete), ein früherer Clinton-Berater, ein Anwalt, eine Journalistin. Der Moderator gemütlich knurrend (Larry King auf CNN) oder gnadenlos zubeißend (Chris Matthews auf CNBC), die Gäste mal keifend ("ich hoffe, daß Gott Ihnen Ihren Haß vergibt"), mal brüderlich ("wollen Sie meine nächste Kandidatur unterstützen?"). Am Ende herrscht muntere Einigkeit: Die Sache muß schnell gehen; und traurige Gewißheit: Die Sache wird sich hinziehen.

Die Amerikaner haben von alledem die Nase voll. Denkt man. Am Montag veröffentlichte CNN die Ergebnisse einer Umfrage: 66 Prozent möchten Clinton als Zeugen im Senatsprozeß sehen, 53 Prozent Monica Lewinsky. Und 65 Prozent wollen, daß das Verfahren live übertragen wird. Redende Köpfe, schmutzige Wäsche - her damit!

In der Zwischenzeit ist den Senatoren klargeworden, was sie sich mit ihrer Vereinbarung, während der Anhörungen den Mund zu halten, eingehandelt haben. Seither reden sie unaufhörlich auf allen Kanälen. Die fotogensten der Herren haben gute Chancen, demnächst als Senatoren in Hollywoodfilmen aufzutreten.

Am Montag abend bekam auch Larry Flynt endlich seinen Auftritt. Schon im Oktober hatte der Herausgeber des Pornomagazins Hustler eine Prämie für Skandalgeschichten über Kongreßmitglieder ausgesetzt. Der republikanische Mehrheitsführer Bob Livingston trat im Dezember zurück, um nicht "geflyntet" zu werden. Jetzt durfte Flynt auf CNBC enthüllen, daß Robert Barr, Mitglied des House Judiciary Committee, das die Anklage gegen Clinton vor dem Senat vertritt, seine Exehefrau betrogen und darüber vor Gericht geschwiegen hat. Acht weitere "Fälle", verkündete Flynt, habe er noch in Reserve - "alles Republikaner".