Wieso heißt dieses Buch Weniger ist mehr? Wieso heißt es nicht Gut ist besser als schlecht? Pro bono, contra malum, nach dem unvergessenen Motto der Zeitschrift Pardon? Es handelt von ganz was Brandneuem: Unsere Gesellschaft ist schlecht, sie muß immerfort Müll produzieren, den kaufen wir wie die Blöden, was uns immerfort ablenkt von unserem wahren Selbst. Schlecht ist die Arbeitslosigkeit, aber auch der seelenlose Workaholismus. Schlecht sind die Werbung und der Medienschrott. Schlecht sind Profitgier und Eigennutz. Kalte Welt, ach. Alles bös.

Gut ist dagegen, wer errät's, weniger Shopping und mehr Innenschau. Loslassen! Eh alles nicht so wichtig, sub specie aeternitatis. Gut ist: Künstler oder Bergsteiger sein. Die haben unverhältnismäßig viele "Flow"-Erlebnisse. "Flow" geht aber auch beim Staubsaugen. Genauso gut: richtig atmen. An der Ampel zum Beispiel, immer "Ein! Aus!" meditieren. Gut ist: Frühgymnastik im Büro. Alte Zeitungen wegschmeißen (das ist postmaterielle "Lessness"), Mandarinen bewußt essen, Kinderlächeln nicht übersehen. Gut ist "die Entdeckung der Langsamkeit" - wie oft ist der arme Sten Nadolny mit seinem Romantitel eigentlich schon gefundenes Fressen gewesen für wohlmeinende Elaborate? Gut ist allerlei Indianisch-Buddhistisch-Papalagisches, freies Energiefließen, Ikebana und, ja doch, Loslassen.

Mit Büchern, die ganz ohne Genanz das Substantiv "Denke" verwenden, ist immer was faul. Wir folgen der entrüsteten "Denke" von Frau A. ja noch mit einer gewissen Zustimmung, solange sie über das Ökonomiediktat, die Zweiklassengesellschaft, über neue Armut und working poor räsoniert. Recht hat sie, wenn sie die angstbesetzte heutige Arbeitswelt geißelt, die Verschiebungsmasse Humankapital, das Axiom, einzig der Eigennutz bringe öffentliches Wohl. Aber vergeht irgendeine Woche ohne irgendeinen medialen Kommentar zur destruktiven Allgewalt der Medien? Kann irgend jemand die Litanei von der Abstumpfung durch Reizüberflutung noch hören? Oder die Predigt vom Suchtkonsum aus Mangel an Liebe? All diese Gähnwahrheiten werden uns in diesem Buch übergestülpt, als wäre es das erste Mal. Man liest sich da durch in so einer "Schon gut, schon gut"-Gestimmtheit, zumal die Verfasserin, die uns von der Rückklappe fixiert wie eine kämpferische Elternbeiratsvorsitzende, die fatale Neigung zu persönlichen Anekdoten hat, zu Gewährsleuten wie "meiner Freundin Beate" oder "meinem Bruder, dem Strandtennisspieler".

Meditieren beim Staubsaugen, besser atmen an der Ampel

Die Autorin teilt uns mit, das Schreiben dieses Kompendiums habe ihr einige "flow-mäßige Höhenflüge" verschafft. Schön für sie, dem Leser macht es dafür die sinnreiche Übung des Loslassens nicht allzu schwer.

Schade drum. Denn mit dem Gesamtkomplex Haben oder Sein (so hieß das Buch, das uns schon vor 20 Jahren ständig ein schlechtes Gewissen machte) schlägt sich unsereiner seit Jugendjahren herum und registriert teils erstaunt, teils erheitert, daß es derzeit offenbar wieder mal eher mehr als weniger Bücher zum Thema "Weniger ist mehr" auf dem Markte gibt. Erstaunt, weil einem in Zeiten des manifesten und steigenden Mangels die Aufforderung, des "einfachen Lebens" Freuden zu erproben, zunächst mal paradox, wenn nicht zynisch erscheinen will. Die Konsumverzichts- und Aussteigewelle, die uns in den frühen Siebzigern erfaßte, fand schließlich vorm Hintergrund größter Saturiertheit und satter Zukunftsperspektiven statt. Heute liegt der Verdacht nahe, daß neuere Publikationen zum Thema "Askese" das von oben herab drängend propagierte Gürtel-enger-Schnallen bloß angenehm instrumentieren sollen. Daß nämlich die immer so kokett und dabei völlig korrekt "Grausamkeiten" genannten Verarmungsperspektiven auch mittelständischen Mehrheiten schöngeredet werden sollen, ganz nach Rilke: Armut ist ein großer Glanz aus Innen. Erheitert auf der anderen Seite nehmen wir es zur Kenntnis, weil wir es haben kommen sehen. Und zwar das einfache Leben als Zeitgeistmarotte für überfütterte Eliten, welche materielle Einbußen wahrlich nicht zu befürchten haben, aber heftig von spirituellem Drang getrieben werden. Designer-Rostmöbel, unbehauene Holzstühle und vom Innenarchitekten kuhstallartig gewischelte Zimmerwände kann man ja in den lackierten Wohnzeitschriften schon länger besichtigen, wo dergleichen dann "style pauvre" und "back to the basics" heißt.

Der Gießener Soziologieprofessor Reimer Gronemeyer erwähnt in seinem höchst lesenswerten Buch Die neue Lust an der Askese einigermaßen angewidert das "Kloster" (mit Penthouse), welches sich Karl Lagerfeld von einem japanischen Architekten bauen läßt. "Hysterische Konsumenten", nennt er solche "Ornament-Asketen", die "eine ehrfürchtige Tradition kolonisieren, um sie ihren modischen Bedürfnissen dienstbar zu machen: leere Askese, bei der die Dreistigkeit, mit der man die Geschichte der Philosophen und Heiligen plündert, um sich mit den geraubten Fetzen zu dekorieren, einen ekelhaften Höhepunkt erreicht". Gronemeyers Buch handelt von der Doppelgesichtigkeit heutiger scheinasketischer Bestrebungen; einerseits von der "verordneten Askese als altem Instrument von Cliquen, um Wünsche kleinzuhalten, Disziplin durchzusetzen und Macht zu erhalten", nach der Devise "Das Anspruchsniveau soll heruntergefahren werden". Den Beerdigern des Sozialstaats, schreibt er, den Aufspaltern in Reich und Arm "muß der Begriff Askese entwunden werden, denn ihnen steht er nicht zu". Ebensowenig wie den wohlbemittelten Outfitund Stil-Puristen, die bloß mal eine neue Lifestyle-Variante ausreizen, in der Hoffnung, daß ihnen in ihre Zen-Gärten nicht jeder Protz-Pachulke folgt. Wahre Asketen andererseits, sagt Gronemeyer, sind "gefährlich" in ihrem souveränen Verzicht, sie "gehen in die Wüste", nicht auf schneller Sinnsuche, sondern sich dem Unbekannten aussetzend wie die Weisen und Ekstatiker früherer Zeiten. Und weil selbst die Wüsten heute von Paraglidern verstopft sind und die Klosterzellen von Managern, empfiehlt er die "Option für Eintönigkeit" als Möglichkeit der Konzentration und Versenkung. Und präsentiert uns ein wunderbares Pessoa-Zitat: "Man sollte die Existenz eintönig gestalten, damit sie nicht eintönig werde. Den Alltag unschädlich machen, damit auch die kleinste Einzelheit eine Zerstreuung mit sich bringe. Mitten in meiner gleichförmigen Tagesform steigen in mir Fluchtvisionen auf, erträumte Spuren ferner Inseln, Feste auf Parkalleen anderer Zeiten, andere Landschaften, ein anderes Ich. Das verbleibe mir, und dazu die wache Seele, um mich mit der Fliege zu unterhalten, die zufällig an meinen Augen vorbeisurrt, das Gelächter auszukosten, das unbeständig von der ungewissen Straße emporsteigt ..."