Ist ein Alleinvertretungsanspruch der Kirchen in Sachen Religion zeitgemäß? Oder: Welche Rolle kann - soll - die Religion in einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft spielen? Gehört sie in einen kirchlich verfaßten Sonderbereich, oder hat sie sich nicht vielmehr als eine Art unsichtbaren oder impliziten Glaubens in die Phänomene der modernen Gesellschaft eingeschlichen, wie der Religionssoziologe Thomas Luckmann meint? Große, bedeutende Fragen, die selbst in ganz konkreten bildungspolitischen Debatten ihren Niederschlag finden. Wenn heute über LER (Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde) gestritten wird, dann wird jenseits machtpolitischer oder rechtlicher Fragen auch über das Verhältnis der Gesellschaft zur Religion debattiert.

Die Polemik, die der Leiter der Zentralstelle Bildung der Deutschen Bischofskonferenz in Bonn, Eckhard Nordhofen, für die Weihnachtsausgabe der ZEIT (Nr. 53/98) verfaßte, hatte darüber hinaus einen aktuellen Anlaß: Im Sommer 1999 steht das Urteil des Ersten Senats des Bundesverfassungsgerichts über die Rechtmäßigkeit dieses Faches an, das sich als Alternative zu dem Wahlpflichtbereich Religion und Ethik/Philosophie versteht.

Der Streit um LER ist also in doppelter Hinsicht hoch aktuell. Und dies ist der Ausgangspunkt: In Brandenburg, einem Land mit weniger als 25 Prozent Kirchenzugehörigkeit, wollten die Begründer von LER allen Schülern die Gelegenheit geben, unterschiedliche religiöse Traditionen, Weltanschauungen und Kulturen kennenzulernen. Nordhofen indes, dem es in seinem Essay um die Verteidigung des Religionsunterrichts als ordentliches Lehrfach zu tun ist, zieht große historische Linien und malt jemand ganz anderen an die Wand: "Das altpreußische Amalgam von Staat und Protestantismus wurde für die Kirche in dem Augenblick hochtoxisch, in dem der Staat aus der Kirche austrat. In ihrer Ablehnung des Christentums als einer abgelebten Ideologie, die das jeweils ,neue Denken' hinter sich lassen mußte, waren NS-Diktatur und Stalinismus, die beiden totalitären Regime, einander ähnlich." Staat minus Christentum, so lautet die spezifische Totalitarismusthese des Autors, habe sich demnach in die zwei Existenzformen NS-Diktatur und Stalinismus zersetzt.

Zwei Fragen nur dazu: Warum die herausgehobene Erwähnung des Protestantismus? Und: Wie war das noch mit dem Verhältnis von Vatikan und NS-Diktatur?

Die "postkommunistische" Lehrerschaft der neuen Bundesländer, fährt der Autor fort, sei bis heute von einem "unaufgeklärten Atheismus" à la Margot Honecker geprägt, ja sie stelle in ihrer religionskritischen Arroganz das "stabilste DDR-Milieu" dar. Mangels ethischer Bindung, die vornehmlich in einer religiös verfaßten Gesellschaft wirke, treibe die Jugend scharen- und reihenweise in die "Rudelwärme rechtsradikaler Gangs". Dazu trägt offenbar, so insinuiert Nordhofen, LER bei - "ein paßgerechtes Angebot für die postkommunistische Bevölkerung, die sich selbst als postreligiös deutet".

Abgesehen davon, daß mir noch kein Brandenburger begegnet ist, der sich selbst als "postreligiös" gedeutet hat, ist auch das Bild des typischen LER-Lehrers wohl eher ein Schreckgespenst, das von Westen gewandert kommt, als eine zutreffende Beschreibung der Realität im Land Brandenburg: Waren denn wirklich alle Lehrer der ehemaligen DDR nichts anderes als Büttel der SED? Lassen sich die Lehrer, die seit 1996 an dem zweijährigen Weiterbildungsstudiengang zu LER teilnehmen, mit Nordhofen zu Recht als "postkommunistischer, aber erfolgreich atheistisch umerzogener Mentalitätstypus" qualifizieren? Es ist schon richtig, daß die Lehrer der DDR nicht gerade zum staatskritischen Milieu gehörten - aber nun speziell die Lehrer, die sich dem Studium von LER unterziehen, als ewige Margot-Honecker-Schüler darzustellen, ist des Unguten denn doch zuviel.

Just in diesen Tagen hat der erste Jahrgang von LER-Lehrern seine Staatsprüfung abgelegt. Der Text Eckhard Nordhofens war für die meisten Lehrer, gelinde gesagt, schockierend. Er "suggeriert", so lautete ein Kommentar, "daß es dunkle Kräfte gibt, deren Hauptziel es ist, daß ,ER' tot bleibt". Die Unterstellung, LER sei die Fortsetzung eines "unaufgeklärten Atheismus", ist auch insofern problematisch, als die Idee eines integrativen Lernbereichs mit lebenspraktischem Schwerpunkt selbst ein Produkt der "friedlichen Revolution" war und vorwiegend von christlichen Dissidenten, Marianne Birthler war eine von ihnen, getragen wurde. Doch Nordhofen unterschlägt diesen urdemokratischen Impuls der kirchlichen Friedensbewegung und der Bürgerbewegung, in deren Rahmen das erste Konzept von LER gehört.