Für einen einsamen Strandspaziergang fünf Mark Eintritt verlangen - und dafür nichts als Gänsehaut, eisigen Wind, Teerklumpen an den Gummistiefeln und einen für die Nebensaison von September bis Mai zugenagelten Kiosk bieten. Diese touristische Vergnügungssteuer - bürokratisch korrekt Kurabgabe genannt - ist so typisch deutsch, daß sie sich nicht exportieren läßt. Selbst der gerissene türkische Basarhändler in Antalya würde sich was schämen, wenn der "fliegende Teppich", den er deutschen Urlaubern andreht, nicht einmal ein Teppich wäre.

Bei uns aber besticht das Prinzip Kurtaxe durch seine Unverwüstlichkeit. Gerade wurde es rechtzeitig vor der Jahrtausendwende auf einen Kurort ausgedehnt, der Touristen selbst zur Hochsaison nachts um halb eins bisher gratis durchgelassen hat. Schluß damit! Reeperbahn und Große Freiheit sollen nicht länger sündige Meilen sein, sondern Erholungsgebiet - mit dazugehörigem Inkasso. Die neue Kurverwaltung St. Pauli verkauft jetzt Kurkarten für zehn Mark. Fünfzig Kurbetriebe - von Barkassen-Meyer an den Landungsbrücken über die Orkan-Bar bis hin zum Pornoshop Sexy Heaven - kontrollieren die Kurkarten und gewähren Inhabern Rabatte bei Hafenrundfahrt, Nightclub-Eintritt oder auch beim Erwerb eines Hochleistungskondoms.

Von der ursprünglichen Idee, auch Bordelle als Kurbetriebe anzuerkennen, ist die Kurverwaltung St. Pauli nach heftigen Diskussionen wieder abgerückt. Schließlich sollte nicht eine Hälfte der Karteninhaber benachteiligt werden. Was könnten weibliche Kurgäste schon mit einem Rabattcoupon für die Herbertstraße anfangen?

St. Paulis Kieztaxe ist, daraus machen die neun Kurdirektoren kein Hehl, subversiv. Mit den Einnahmen soll jedoch weder ein Meerwasser-Wellenbad noch ein Kurpark entstehen. In ihrer Mildtätigkeit will die Kurverwaltung ihre Überschüsse sozialen und kulturellen Initiativen zufließen lassen.

Der Erfinder des Projekts, ein Hamburger "Ideenscout", will beweisen, daß man um Spenden für soziale Projekte in Hamburgs zweitärmstem Stadtteil origineller betteln kann als das Müttergenesungswerk oder die Heilsarmee.

Das als Kurkarte getarnte Couponheft verkauft sich so gut, daß jetzt eiligst eine dritte Auflage gedruckt wird. Die Kurverwaltung ist allerdings skeptisch, ob sich die Idee auf andere, bislang kurtaxfreie Fremdenverkehrsorte übertragen läßt. So habe man beispielsweise an München-Schwabing gedacht, verrät ein Kurdirektor, "aber dort geht es ja so schnarchig zu, da gibt's ja nicht mal einen Sexshop".