Es dürfte ziemlich schrecklich werden. Kein Redakteur, Philologe, Pastor, Philosoph und Parteiredner wird sich lumpen lassen. Es wird Goethe Goldorangen geben, Berlichingen-Fausthandschuhe und den Goethe-Büstenhalter Marke Freifrau von Stein. Von der falschen Feierlichkeit bis zur echten Geschmacklosigkeit wird alles am Lager sein, und wir werden prompt beliefert werden" (Erich Kästner, der am 23. Februar 1999 100 Jahre alt geworden wäre, zu Goethes 100. Todestag 1932).

Die einen (Görtz und Sarkowicz) sagen, Erich Kästner sei Halbjude gewesen. Als sein Vater habe nicht der wackere Sattlermeister Emil Kästner zu gelten, sondern der jüdische Hausarzt und Freund der Familie, ein Sanitätsrat Dr. Emil Zimmermann. Diese Lesart wurde zuerst 1982 verbreitet von dem Schriftsteller und Kabarettisten Werner Schneyder in der bis heute originellsten Biographie: Kästner - ein brauchbarer Autor. Werner Schneyder schrieb, Thomas Kästner habe ihm gesagt, sein Vater Erich sei der Sohn des Hausarztes der Eltern: "Eine ganz kleine Personengruppe, Verleger und Freunde, dürften das gewußt haben." Seine Mutter Friedel Siebert hat dies bestätigt. Schneyder ging vor wie ein Reporter und fragte Luiselotte Enderle. "Das wäre sehr gut möglich", antwortete sie, aber sie sei nicht befugt, über Dinge zu sprechen, über die zu sprechen Kästner sie nicht autorisiert habe.

Das alles kann Sven Hanuschek nicht überzeugen. Er glaubt nicht an den Hausarzt als Vater. Nichts Schriftliches beweise, daß ein anderer als Emil Kästner der Vater von Erich Kästner war. Damit hat er recht. Mir imponiert die strenge Forderung nach schriftlich Festgelegtem, wie Hanuschek sie hier vertritt und wie er ihr ein ganzes Buch hindurch treu bleibt. Man kann ihm in allem, was geschrieben steht, vertrauen. Das freilich macht sein Buch nicht nur recht dick, sondern (das geht ja gern zusammen) auch recht langatmig.

Isa Schikorsky, Autorin der dritten Kästner-Biographie, hat keinerlei Hemmungen, den Sanitätsrat als Kästners wahren Vater zu akzeptieren. Im übrigen haben die drei Biographien so viel Gemeinsamkeiten, daß man auf den naheliegenden Gedanken kommt, sie könnten nicht ganz unabhängig voneinander entstanden sein. Das ließe sich Kapitel für Kapitel nachweisen.

Da es nicht meine Aufgabe sein kann, noch eine vierte Biographie zu schreiben, beschränke ich mich auf einen Abschnitt in Kästners Leben, über den ich besser informiert bin als die drei Biographen. Ob es nun die durch viele Fußnoten charakterisierte akademische Version des Sven Hanuschek ist oder die gerade durch ihre Kürze für Gelegenheitsleser empfehlenswerte der Isa Schikorsky oder schließlich die etwa in der Mitte zwischen beiden sich haltende der Journalisten Frank Josef Görtz und Hans Sarkowicz - sie haben alle eines gemeinsam: Der Kästner, der seinen 60. Geburtstag hinter sich und immerhin noch 15 Jahre zu leben vor sich hat, interessiert sie nicht so sehr. Vielleicht fällt mir das besonders auf, weil es sich dabei um die Jahre handelt, in denen ich sehr viel mit Kästner zusammen war. Deswegen weiß ich: Friedel Siebert spielte eine viel größere Rolle in Kästners Leben, als alle Biographen ihr zugeschrieben haben. Und zweitens: Kästner hat den größeren Teil der Jahre 1965/66 damit verbracht, an dem Buch Kästner für Erwachsene mitzuarbeiten, das von keinem der drei Biographen auch nur zur Kenntnis genommen wird. Was einige Fehler zur Folge hat.

Zitieren wir die schmalste der Biographien mit dem besten Register, um die relevante Stelle schnell zu finden. Isa Schikorsky schreibt, nach mancherlei sehr Richtigem: "Friedel Siebert zieht mit ihrem Sohn von München nach Berlin, Kästner lebt eine Zeitlang bei ihnen, das Familienexperiment scheitert." So ähnlich sagen's die beiden anderen auch. Da ich das "Experiment" in Berlin-Hermstorf beinahe fünf Jahre lang miterlebt habe, erlaube ich mir zu sagen: So war es nicht.

"Friedel Siebert scheint nach Ilse Julius die zweite große Liebe seines Lebens gewesen zu sein", notiert Sven Hanuschek, "jedenfalls erzählt das Edmund Nick. ,Jetzt habe ich die Frau kennengelernt, die ich wirklich liebe, aber ich kann mich von der Enderle nicht trennen, denn sie hat gesagt, sie stürze sich aus dem Fenster.'" Der Biograph geht der Sache jedoch nicht nach. Im Archiv ist nichts zu finden. Nur das: Frau Lotte spielt Enderle und die Detektive. Ganze Detekteien setzte sie in Bewegung, um Erichs verruchtes Leben, um vor allem seine Beziehungen zu Friedel zu überwachen. Die Eifersucht trieb sie von der Hysterie in den Suff. Um sich den Verfolgungen zu entziehen, wechselte Friedel immer wieder ihre Münchner Adresse. Als das alles nichts half, zog sie mit ihrem inzwischen siebenjährigen Sohn Thomas nach Berlin-Hermsdorf.