Der französische Pianist Michel Petrucciani war ein leidender Mensch. Er hatte die Glasknochenkrankheit (Osteogenesis Imperfecta). Der Sohn eines sizilianischen Gitarristen war nur einen Meter groß und mußte getragen werden. Doch in ihm war dignitas. Als er mit 18 Jahren die Szene betritt, wird er wie eine Marienerscheinung begrüßt. Sein Förderer, der Saxophonist Charles Lloyd, staunt: "Diese Sensibilität, diese Technik!" Es ist eine transzendente Technik, die an Art Tatum erinnert, besonders wenn er Solo spielt. Sein The Paris Concert im Théâtre des Champs-Élysées vom April 1995 stellt ihn als einen würdigen Kollegen an die Seite des Solo-Performance-Fürsten Keith Jarrett. Stilistisch bewegt sich Petrucciani auf eher konservativem Terrain. Genaugenommen ist er ein Jünger des Bebop, jenes nervös-komplizierten Musizierens, das Bud Powell auf die Spitze getrieben hat: "Groove or move!" - Swinge oder hau ab! Unübersehbar war, daß Petruccianis Behinderung zusammen mit seiner musikalischen Brillanz eine Aura erzeugte, der sich kaum jemand entziehen konnte. Es war unmöglich, ihn in seinen fast surrealistischen Konzerten nicht zu lieben: Der Flügel brennt. Der Pianist löscht mit sprühenden Kadenzen. Die Menge glotzt voyeuristisch. Petrucciani nannte sich in heiteren Stunden E.T. Er starb am 7. Januar in New York im Alter von 36 Jahren an einer Lungenentzündung.