Ach, was war das immer für ein Jammern und Klagen über den Soli-Zuschlag, beim Blick auf Zeile fünf der Lohnsteuerkarte. Und CSU-Wadenbeißer Erwin Huber konnte sich bisher immer sicher sein, daß er nicht nur die Stammtische hinter sich hat, wenn er über das viele, viele Geld für die unersättlichen Ostler klagte.

Aber jetzt wird alles anders, besser: Der Osten nimmt nicht nur, nein, er hat auch etwas zu geben.

Hamburg-Wandsbek. Schäbiger Hinterhof. Grelle Schilder weisen den Weg zum ersten deutschen "(N)Ostalgie-Kaufhaus": 650 Quadratmeter Lagerräume, frisch renoviert und vollgestellt mit hochwertigem realsozialistischem Gebrauchsgut beziehungsweise dem, was man dem Westler als solches verkaufen kann.

Zum Beispiel das Stereoradio Rema Andante inklusive Boxen (10 Watt) mit Bedienungsanleitung. Stehlampen, Schirm, lila geblümt mit Fransen, wahlweise sogar mit gedrechseltem Fuß. Oder das Drehscheibentelefon Typ Alpha aus dem VEB Fernmeldewerk Nordhausen, orange Plaste für 44 Mark. Abgeschabte Küchentische, ein Kanapee, dunkelbraune Schränke für die feine Stube. Gelsenkirchener Barock aus der Ostzone der fünfziger und sechziger Jahre. Ansichtskarten (farbig!) aus Minsk, Kunsthandwerk aus Bulgarien. Je scheußlicher, desto teurer.

Und die Hamburger strömen herbei. In modischem Ganzkörperschwarz. Lange Mäntel, Seidenschals. "Einmalig - erstmalig - unglaublich", verspricht eine Postwurfsendung. Hereinspaziert ins sozialistische Panoptikum, einer der Verkäufer spricht sogar Sächsisch. Der Osten ist irgendwie Kult, da läßt man gern mal einen Fünfzigmarkschein knistern. Kein Murren. Solidarität, die Spaß macht.

Träger des Projektes ist der gemeinnützige (!) Dresdner Verein Brücke zur Arbeit; gefördert wird er vom Arbeitsamt. Langzeitarbeitslose und Behinderte sammeln, putzen, restaurieren, was sich in und um Dresden bei Haushaltsauflösungen oder auf der Müllkippe finden läßt. Alle zwei Tage bringt ein Lkw Nachschub in die Partnerstadt Hamburg. Eben noch Tinnef und Krimskrams, nun "ungeahnte Schätze aus der ehemaligen DDR". Nach knapp zehn Jahren rächt sich der Osten für die Rostlauben, die seinen Autofahrern gleich nach dem Mauerfall für teures Geld angedreht wurden. Mit seligem Lächeln trägt jetzt der Hamburger ein Bierglas der Wernesgrüner Brauerei nach Hause, eine Originalschallplatte von Karat oder den MiG-19-Modellbausatz.

Wer nicht in Hamburg wohnt, dem bleibt ein Trost: Das (N)Ostalgie-Kaufhaus, so steht es in der Postwurfsendung des Trägervereins, ist ein "Pilotprojekt, das nach einer Testphase in weiteren Städten unseres Landes verwirklicht werden soll".