Er verschreibt die Pille, schneidet Muttermale heraus und zieht nachts einem Lachsfischer den Angelhaken aus dem Finger - Gerd Niebelschütz muß für alles gewappnet sein. Der gebürtige Hamburger versorgt seit knapp einem Jahr als Arzt das norwegische Städtchen Grong. Grong liegt 300 Kilometer südlich des Polarkreises, hat 2500 Einwohner und zwei Kaufmannsläden. Das nächste Röntgengerät steht 50 Kilometer entfernt. "Da überlege ich mir sehr genau, wen ich über Eis und Schnee zum Röntgen schicke", sagt Gerd Niebelschütz.

Im März 1998 trat der 36jährige Mediziner seine neue Stelle als "Kommunelege" an: eine Art Landarzt im althergebrachten Sinne. Schon der erste offizielle Akt, der Abschluß des Arbeitsvertrages, verlief etwas anders als gewohnt: Die Stromleitungen waren unter Schneemassen zusammengebrochen, und ein Handschlag mußte erst einmal zur Besiegelung genügen.

Gerd Niebelschütz ist einer von inzwischen rund 100 Ärzten, die in dem Projekt "Ärzte nach Norwegen" der Frankfurter Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) eine Stelle im Norden Europas gefunden haben. Seit dem Frühjahr 1997 kooperiert die ZAV mit dem norwegischen Arbeitsdirektorat (Adir). Der begrenzte deutsche Arbeitsmarkt und die schlechten wirtschaftlichen Perspektiven lassen angehende und berufstätige Mediziner nach Alternativen suchen. Während in Deutschland 10 000 Ärzte ohne Arbeit sind, hat Norwegen den größten Bedarf in Nordeuropa. In den vergangenen Jahren wurden in Norwegen zuwenig Ärzte ausgebildet, unter anderem wegen der schwierigen Zugangsbedingungen an den medizinischen Fakultäten.

Insgesamt wollen die ZAV und der Adir 800 Ärzte nach Norwegen vermitteln: als Gemeindedoktoren oder als Krankenhausärzte. Außerdem sollen Assistenzärzten und Medizinern in der Facharztausbildung dort Weiterbildungsmöglichkeiten angeboten werden. "Die eineinhalb Jahre als Gemeindearzt werden für die Facharztausbildung zum Allgemeinmediziner angerechnet", sagt Hans Groffebert, Leiter der Arbeitsvermittlung für Westeuropa. Danach könnten die Mediziner entweder mit besseren Berufsaussichten nach Deutschland zurückkehren oder die Facharztausbildung in Norwegen beenden. Aber auch fertige Fachärzte, vom Kinderarzt bis zum Pathologen, werden in Norwegen gesucht.

Die Norweger sind anspruchsvoll, und die Liste mit den Voraussetzungen, die ein Bewerber erfüllen muß, ist lang: Er muß Bürger eines Staates der EU oder des Europäischen Wirtschaftsraumes (EWR) sein; das Studium in der EU oder im EWR absolviert haben; über eine Vollapprobation und gute Englischkenntnisse verfügen. Auch ein letter of goodstanding wird verlangt, eine Art Leumundszeugnis für Ärzte.

Nichts für Aussteiger und Abenteurer

"In Auswahlgesprächen versuchen wir zu prüfen, wie ernst gemeint der Entschluß des Bewerbers ist", sagt Hans Groffebert. Denn die Norweger suchen Ärzte, die längerfristig bleiben - keine Aussteiger- und Abenteurertypen. Es soll nicht so sein wie früher in Grong, wo sich die Doktoren die Klinke in die Hand gegeben haben: In drei Jahren arbeiteten dort 12 Vertretungsärzte aus Schweden. "So kann sich kein vertrauensvolles Arzt-Patienten-Verhältnis aufbauen", sagt Hans Groffebert. Als Gerd Niebelschütz nach Grong zog, war den Einheimischen klar, daß dieser Arzt nicht so schnell wieder fortgehen würde: Er kam mit seiner Frau und drei kleinen Kindern. Und von den 100 von der ZAV vermittelten Ärzten sei bisher erst einer vorzeitig wieder zurückgekehrt, so Hans Groffebert.