Die Zeit ist reif - aber trauen sich die Amerikaner? Sie hatten eine Kandidatin für das Amt des Vizepräsidenten, sie gewöhnten sich an einen weiblichen Außenminister, doch werden sie auch den Mut aufbringen, eine Frau an die Spitze der Nation zu stellen? Es könnte sein, daß sie bald die Wahl haben. Unter den möglichen Kandidaten, die schon jetzt in den Startlöchern stehen, um im Jahr 2000 die Nachfolge von Bill Clinton anzutreten, gibt es zum ersten Mal eine Frau mit ernsthaften Chancen, die 62jährige Elizabeth Dole.

Kaum ein Bewerber um die amerikanische Präsidentschaft wäre je so gut vorbereitet gewesen. Ihre politische Karriere machte die Absolventin der juristischen Fakultät von Harvard unter fünf amerikanischen Präsidenten, beispielsweise als Transport- und als Arbeitsministerin. Die letzten acht Jahre brachte sie das amerikanische Rote Kreuz auf Schwung.

Reichlich Erfahrung für eine Kandidatur konnte sie auch an der Seite ihres Mannes Bob Dole sammeln. Bei drei vergeblichen Anläufen für das höchste Amt stand sie ihm bei. Auf dem republikanischen Konvent l996 hielt sie die Einführungsrede für ihn und tat dies so glanzvoll, daß sie ihm fast die Show gestohlen hätte. Als er zur Abwechslung einmal verkündete, bei dieser Wahl hieße der Kandidat der Republikaner unter keinen Umständen Dole, erntete sie eine Lachsalve mit ihrem Zwischenruf: "Du kannst nur für dich selber sprechen, Sweetheart!"

Ihr Selbstbewußtsein ist nicht geborgt. Schon ihre Klassenkameradinnen glaubten, daß sie die erste Präsidentin Amerikas werden würde. Offenbar gilt sie auch deshalb als aussichtsreich, weil sie eine altmodische Politikerin ist. Als Frauenrechtlerin trat sie nie auf, und ihren kompromißlosen Ehrgeiz weiß sie hinter großem Charme zu verbergen. Sie ist diszipliniert, übt ihre Auftritte vor dem Spiegel und lernt ihre Reden auswendig.

Das Glück der Medien wäre komplett, wenn es zu einem spektakulären Frauenwahlkampf käme und sich der republikanischen Herausforderin, wenn sie es denn wird, auf demokratischer Seite Hillary Clinton entgegenstellte. Deren Bewunderer, von denen es dieser Tage viele gibt, beschreiben ihre Haltung schon jetzt als "presidential". Ernsthaft erörtert wird derzeit nur, ob die First Lady sich um den frei gewordenen New Yorker Senatorensitz bewerben wird.

Elizabeth Dole und Hillary Clinton können sich auch deshalb Chancen ausrechnen, weil in Amerika Frauen viel selbstverständlicher von Frauen gewählt werden als im alten Europa. Verharzte Parteistrukturen spielen dabei keine Rolle. Mobilisiert werden die Wählerinnen über effiziente Netzwerke, die professionell organisiert sind. Warum bloß können das die Amerikanerinnen so viel besser?

Vielleicht weil sie eines begriffen haben: Frauen dürfen keinesfalls darauf warten, daß die Männer die Macht mit ihnen teilen. Sie müssen selber zugreifen. Nach oben kommt nur, wer sich durchbeißt. Dafür muß man an seine Mission glauben, so wie Elizabeth Dole das tut, zielstrebig, unermüdlich. Es dürfte auch hilfreich sein, daß sie einen Ehemann an ihrer Seite hat, der ängstlichen Männern Mut macht. Ob sie es schafft? Selbst wenn ihr nur die Präsidentschaftskandidatur für die Republikaner gelänge, wäre das eine schöne Sensation.