Die Kapitalmarktexperten der Banken sind außerordentlich erfindungsreich. Laufend peppen sie ganz schlichte Anleihen, im Volksmund auch Festverzinsliche genannt, mit irgendwelchen Zusätzen zu komplizierten Geldanlagen auf - zu sogenannten strukturierten Produkten. Derzeit sind gerade Anleihen en vogue, deren Schicksal auch vom Wohl und Wehe des Aktienmarktes abhängt. Die Produkte heißen - je nach Anbieter - Schuldverschreibung mit Rückzahlungswahlrecht oder auch schlicht Aktienanleihen.

Der Reiz dieser Papiere ist ein garantierter und verblüffend hoher Zinssatz. So lockt beispielsweise das Privatbankhaus Sal. Oppenheim, der führende Emittent bei diesen Papieren, bei einer soeben aufgelegten Anleihe mit einem festen Zins von 13 Prozent. Das sind immerhin rund 10 Prozentpunkte mehr, als der Anleger für eine gleich lang laufende Bundesanleihe bekommt. Ähnliche Zinssätze gibt es auch bei der Konkurrenz.

Natürlich wurden die Banken nicht von einer plötzlichen Spendierlaune erfaßt. Jeder gewiefte Anleger weiß, daß ein überdurchschnittlicher Ertrag auch einen siamesischen Zwilling hat: nämlich ein überdurchschnittliches Risiko. Das Risiko bei dieser Art von Anleihe ist die Ungewißheit, in welcher Form der Anleger seinen Einsatz wieder zurückgezahlt bekommt. Bei einer Bundesanleihe weiß er, daß er bei Fälligkeit den Nennbetrag erhält, also einen vereinbarten Betrag in Mark oder Euro. Diese Sicherheit gibt es bei den hochverzinslichen Bankprodukten nicht. Bei denen hat die Bank ein Wahlrecht. Kurz vor dem Fälligkeitstag darf sie sich nämlich entscheiden, ob sie dem Anleger Euro auszahlt oder statt dessen Aktien ins Depot bucht, beispielsweise von DaimlerChrysler oder etwa von der Deutschen Bank, der Lufthansa, von SAP oder vielen anderen Unternehmen.

Bei einem Höhenflug hat der Käufer das Nachsehen

Die Entscheidung der Bank, ob sie nun in Euro oder in Aktien zurückzahlt, hängt stets von der künftigen Kursentwicklung der betreffenden Aktie ab. So pendelt beispielsweise derzeit der Kurs der DaimlerChrysler-Aktie etwas über der Marke von 90 Euro. Fällt der Kurs kurz vor Fälligkeit der Anleihe unter die Schwelle von 81,97 Euro, liefert die Bank die Aktien, liegt der Aktienkurs jedoch darüber, zahlt sie den Nominalbetrag.

Für den Anleger sind solche Aktienrisikoanleihen nur dann ein gutes Geschäft, wenn die dahinterstehenden Aktien künftig stagnieren oder nur gering steigen. Setzt sich jedoch der Börsenhöhenflug der vergangenen Wochen fort, geschieht das ohne den Anleihekäufer. Der ist nämlich nicht an den steigenden Aktienkursen beteiligt. Die Phantasie, die in vielen Aktien steckt, wird bei den Anleihen nicht mitgeliefert. Dem Anleger entgehen außerdem die während der Laufzeit anfallenden Dividenden und Sonderausschüttungen. Er bekommt höchstens den festgelegten Zinssatz und den Nennwert. Sollte dagegen bei DaimlerChrysler irgend etwas schiefgehen, oder die Börse bricht just zum Fälligkeitstermin wieder einmal kräftig ein, dann wird aus dem Anleiheninhaber unversehens ein Aktionär, also in einem besonders prekären Zeitpunkt.

Aktienanleihen sind also eine riskante Angelegenheit. Denn die Finanzingenieure der Banken haben eine ganz simple Anleihe mit einem gewagten Termingeschäft verschweißt. Wer beispielsweise glaubt, daß die DaimlerChrysler-Aktie kräftig einbricht, kann eine Verkaufsoption auf Daimler-Aktien kaufen - einen sogenannten Put. Der gibt ihm das Recht, DaimlerChrysler-Aktien zu einem bestimmten, vorab vereinbarten Kurs (Basispreis) zu verkaufen. Geht die Rechnung auf, und die Aktie fällt tatsächlich unter den Basispreis, wird der Put ausgeübt. Der Inhaber des Puts besorgt sich die Daimler-Aktien billiger an der Börse und dient sie dem Verkäufer der Puts zum Basispreis an. Die Kursdifferenz ist sein Gewinn.