Es war ein schwarzer Freitag für die deutsche Pharmaindustrie. Zum Ausklang der ersten Januarwoche stellte der Bundesausschuß Ärzte und Krankenkassen die neuen Arzneimittel-Richtlinien vor. Wenn Gesundheitsministerin Andrea Fischer die Vorschläge des Bundesausschusses billigt, dürfen statt bisher 47 ab April insgesamt 69 verschiedene Arzneimittelgruppen mit einigen tausend Medikamenten nicht mehr oder nur sehr eingeschränkt auf Kassenkosten verschrieben werden.

Zweck der Richtlinien ist es, genauer als bisher die Spreu vom Weizen zu trennen. Den Ärzten wird ein Kompaß für die "ausreichende, zweckmäßige und wirtschaftliche" Arzneiverordnung an die Hand gegeben. Der Bundesausschuß, der mit Vertretern von Ärzten und Krankenkassen besetzt ist, soll die Krankenversorgung generell nach möglichst gleichen Kriterien sichern und sie für Ärzte wie Krankenkassen transparent gestalten. Er überprüft in gewissen Abständen die Behandlungsmethoden, nimmt neue Therapien in den Leistungskatalog auf, ergänzt alte oder schließt sie gegebenenfalls aus. Der daraus abgeleitete Leistungskatalog ist dann Richtschnur für die Kassenleistungen.

Rund 50 000 Medikamente sind in Deutschland zugelassen; in England beispielsweise sind es nur 8000. Bei der Vielzahl der Arzneimittel erleichtern die neuen Richtlinien die ärztliche Therapiewahl erheblich. Sie machen es zudem einfacher, das Limit bei den Arzneiausgaben unter den gerade erst verschärften Budgetbedingungen einzuhalten. Außerdem verschreiben viele Ärzte nicht zweckmäßige Medikamente, deren Wirkung umstritten ist. Das Marktvolumen dieser Präparate liegt zwischen fünf und sieben Milliarden Mark. Allein die Kombinationsmittel, die jetzt von der Rezeptverschreibung ausgeschlossen wurden, haben ein Umsatzvolumen von 650 Millionen Mark. Diese kostspielige "Schrotschußtherapie", wie die Behandlung mit unspezifischen Mehrzweckpräparaten genannt wird, dürfte nun beendet sein.

Zwar muß der Bundesausschuß damit rechnen, daß die Pharmaindustrie Klage einreicht. Doch nach der herrschenden Rechtsprechung des Bundessozialgerichts ist kaum zu erwarten, daß die neuen Richtlinien wieder kassiert werden. Die Pharmaindustrie und eine Aktionsgemeinschaft aus Ärzte- und Patientenverbänden, Selbsthilfegruppen und medizinischen Fachverlagen behaupten zwar, die Therapiefreiheit der Ärzte würde eingeschränkt. Doch dieser Vorwurf geht an der Sache vorbei. Alle Pillen und Pasten, die betroffen sind, bleiben zugelassen. Sie dürfen auch weiter verordnet werden - nur nicht auf Kassenkosten. Wegen der notwendigen Sparmaßnahmen im Gesundheitssystem ist es jedoch nur recht und billig, daß Patienten, die an billige Werbetricks und Wundermittel glauben, unzweckmäßige Mittel selbst bezahlen. Einige der Mittel dürfen in Ausnahmefällen sogar auf Kassenkosten verschrieben werden, sofern der Arzt dies besonders begründet.

Ein Verzicht auf umstrittene Arzneimittel ist ohne Folgen für individuelle Krankheitsverläufe möglich, wie die Zurückhaltung der Ärzte bei der Verschreibung der Mittel bereits belegt hat. Deren Marktanteil, derzeit 16 Prozent, hat sich innerhalb von sechs Jahren halbiert. Obwohl die Richtlinien eine sehr ähnliche Wirkung haben wie eine Arznei-Positiv-Liste, ist der Bundesausschuß unisono der Meinung, die von der Regierung geplante Liste müsse verwirklicht werden. Und bei der Marktmenge von 50 000 Medikamenten kann in der Tat nur der Gesetzgeber mehr Übersichtlichkeit bewirken.