Der auffallend dicke junge Mann, den wir Peter nennen wollen, lebt seit Jahren von Stütze. Sein Vater ist früh gestorben, seine Mutter Sozialhilfeempfängerin. Der 25jährige hat Abitur, aber den Einstieg in einen Beruf packte er nicht. Schließlich griff das Sozialamt der Stadt Kiel ein. Peter sollte lernen, auf eigenen Füßen zu stehen, und da er das nicht einsehen wollte, machte die Behörde Druck. Sie drohte mit Kürzung der Leistungen und schickte ihn zur städtischen Beschäftigungsgesellschaft KIBA. Dort landete er im November 1997 in einem Berufsfindungskurs. Sein Start war nicht einfach. Der junge Mann schwänzte häufig, kam ungewaschen, oft zu spät und weigerte sich, mit den Betreuern ein Wort zu sprechen. Als alles nichts half, schalteten sie den psychologischen Dienst ein. Nach vielen Mühen und etlichen Rückfällen absolvierte Peter schließlich bis August 1998 verschiedene Praktika, die von der KIBA angeboten werden. Dort gelang es einem der Anleiter, ihn aufzuwecken. Heute steckt der junge Mann in einer zweijährigen Ausbildung als Metallwerker, er wirkt fröhlich und zufrieden und hat gute Chancen, eine Karriere außerhalb der Sozialhilfe zu schaffen.

Ähnlich wie Peter ergeht es seit einiger Zeit immer mehr Empfängern von Sozialhilfe in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt. Denn Oberbürgermeister Norbert Gansel und seine Bürgermeisterin und Sozialdezernentin Annegret Bommelmann (parteilos, auf dem Ticket der Grünen) fahren einen neuen Kurs. "Sozialhilfe darf kein Lebensstil werden, vor allem keiner, der vererbt wird", umschreibt Gansel seine Philosophie. Nach diesem Motto verfuhr der Verwaltungschef denn auch seit seinem Amtsantritt im Frühsommer 1997 - gegen den teilweise erbitterten Widerstand von Sozialdemokraten und Grünen.

Zum raschen Handeln zwang freilich auch die hochverschuldete Stadtkasse. Wie katastrophal die Lage war, läßt sich an einer einzigen Zahl illustrieren: 1997 waren die Ausgaben für Hilfe zum Lebensunterhalt in Kiel zum erstenmal höher als die Einnahmen aus dem Anteil der Einkommensteuer. Die Einführung der EDV erleichterte seit Mitte der neunziger Jahre eine andere Politik. Arbeitsabläufe konnten vereinfacht werden, Statistikabgleich mit anderen Dienststellen deckte Mißbrauch auf, die Sozialämter konnten die Struktur der Hilfsbedürftigen exakter aufschlüsseln. Mittlerweile können die Programme noch zielgenauer ausgerichtet werden. Die Behörden gucken aber nicht nur schärfer hin, sie bieten auch neue Möglichkeiten, mit denen die Betroffenen wieder in die Arbeit eingegliedert werden können.

Stolz präsentiert Annegret Bommelmann die ersten Erfolge: Anders als im Bundesgebiet, wo die Zahl der Sozialhilfeempfänger seit 1991 weiter kräftig auf mittlerweile knapp 3 Millionen Menschen gestiegen ist (siehe Grafik), kann Kiel auf einen sinkenden Trend verweisen, obwohl die Arbeitslosigkeit weiter nach oben kletterte. Ein Blick auf die jüngere Vergangenheit bestätigt die positive Tendenz: Von September 1997 (19 596 Bedürftige) sank die Zahl der Hilfeempfänger bis November vorigen Jahres weiter auf 19 421. Drastischer noch zeigt sich der Erfolg bei den Arbeitslosenzahlen: Um gut 13 Prozent sank die Zahl der erwerblosen Jugendlichen unter 25 Jahren im Arbeitsamtsbezirk Kiel seit Dezember 1997, die der unter 20jährigen fiel gar um fast 27 Prozent.

Die neue Politik wird mittlerweile vom Land, der Wirtschaft und dem Arbeitsamt kräftig unterstützt. Fritz Süverkrüp, Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK), hat eine "eindeutige Klimaverbesserung" festgestellt. Und IHK-Geschäftsführer Peter Dohm betont, die teils heftigen Probleme mit den Beschäftigungsverhältnissen im zweiten Arbeitsmarkt, die Handwerk und Handel als unerwünschte Konkurrenz betrachteten, seien durch intensive Zusammenarbeit abgebaut worden. Auch Arbeitsamtsdirektor Rolf Steil registriert einen deutlichen Stimmungswandel, seit die Behörden der Stadt und ihre Beschäftigungsgesellschaft die Kontakte mit anderen Stellen intensiviert haben und sich die KIBA mehr als "Ideengeber und Organisator" begreife.

Regelmäßig erörtern zum Beispiel die Vertreter von Arbeitsamt, Sozialbehörde und dem Amt für Soziale Dienste Probleme. Bei Hospitanzen im jeweils anderen Amt haben Sozialarbeiter und Arbeitsamtsbeschäftigte neue Wege der Zusammenarbeit entdeckt. Und ein gemeinsamer Jobservice, besetzt mit zwei Kollegen, lotet seit einigen Monaten ausschließlich die Möglichkeiten aus, Sozialhilfeempfänger in Beschäftigung zu bringen. So können für das runde Drittel unter den Kunden des Sozialamts, das als arbeitsfähig eingestuft wurde, vielfältige Aktivitäten angeboten werden.

Aber die Kieler taten noch mehr: Seit 1996 müssen alle erwerbsfähigen Hilfeempfänger ihrem Sozialarbeiter monatlich mindestens drei Bewerbungen nachweisen. Jugendliche zwischen 17 und 25 Jahren werden zur Beschäftigungsgesellschaft KIBA geschickt. Dort versuchen die Betreuer zunächst, Fähigkeiten und Berufswünsche zu ermitteln, um den jungen Menschen später den Weg in Praktika oder eine reguläre Ausbildung zu ebnen.