Der erdene Trampelpfad aus dem Dorf verschwindet irgendwo im saftigen Wildwuchs der grünen Hügel. Hier jedoch, an der staubigen Straße, die von der Hauptstadt Freetown nach Norden ins Nachbarland Guinea führt, wächst Grünes nur mehr in den alten Blechdosen, mit denen die Dorfbewohner ihre verrosteten Wellblechhütten schmücken. Die Schule am Ort ist ganz ohne Wände. Vier krumme Betonpfeiler tragen das Dach. Auf den Holzbänken darunter wimmelt es den ganzen Tag über von Kindern, um deren dürre Körper die Kleider in Fetzen schlabbern.

Saidou, ein kleiner, magerer Junge, löst sich abends meist als einer der letzten von den Bänken. Denn das Zusammensein hier ist das Beste, was ihm seit Jahren widerfahren ist. Vor allem aber hilft es ihm, die Nacht so kurz wie möglich zu halten. Saidou ist erst elf Jahre alt, aber die letzten vier Jahre war er Soldat. Und was er da getan und erlebt hat, bereitet ihm Alpträume. Zögernd erzählt er: "Ich sehe die Gesichter von denen, die ich getötet habe. Die wachen plötzlich auf und rennen hinter mir her, bis sie mich erwischen, und dann töten sie mich."

Saidou war sieben Jahre alt, als der mörderische Krieg in Sierra Leone mit voller Wucht über ihn hereinbrach. Er half seiner Mutter gerade bei der Maniok-Ernte, als eine Horde Uniformierter brüllend ins Dorf stürmte und auf alles schoß, was sich bewegte. "Unsere Nachbarn wurden sofort erschossen, die anderen aus dem Dorf flüchteten in den Wald, auch meine Mutter rannte fort, sie war plötzlich verschwunden, und als auch ich losrennen wollte, packten mich die fremden Männer und hielten mich fest."

Saidou begriff, daß er den Rebellen der Revolutionary United Front (RUF) in die Hände gefallen war. Deren Vormarsch und deren Brutalität auch gegenüber unbewaffneten armen Bauern war seit Monaten Thema der abendlichen Dorfpalaver gewesen. Die Männer nahmen Saidou und zwei andere Jungen mit auf einen langen Fußmarsch durch den Busch zum Hauptquartier der Rebellen. Dort sperrte man die Kinder zwei Tage lang in eine Hütte, ohne Essen und Trinken, dann begann der eigentliche Horror. Ein Mann drückte Saidou rüde ein Gewehr in die Hand und zeigte ihm, wie die Waffe geladen wird, wie man zielt und abdrückt und dann wieder nachlädt. Saidou sagt, er habe die Waffe nicht anrühren wollen. "Aber dann", erzählt er, "haben sie mich gefesselt und geschlagen, bis ich das Gewehr doch genommen und damit geschossen habe."

Saidou ist einer von mindestens 5000 Kindersoldaten in Sierra Leone. Unter den Ländern, die Jungen und Mädchen schon sehr früh, teils schon im Alter von sechs, sieben Jahren, zum Töten abrichten, ist das westafrikanische Tropenland eines der berüchtigtsten. In großem Ausmaß hat die Rekrutierung von Kindern hier 1992 begonnen, als eine Militärjunta unter Valentine Strasser die Macht eroberte. Strasser schickte Kindersoldaten in den Kampf gegen die Rebellen der Revolutionary United Front, die ihrerseits Kinder entführten, um ihre Reihen zu verstärken.

Auch andere Machthaber kannten keine Hemmungen. General Julius Maada Bio, der Strasser 1996 ins Exil zwang, hat Kindersoldaten eingesetzt, und sogar der UN-Diplomat Ahmed Tejan Kabbah, der 1997 zum Präsidenten gewählt wurde, bediente sich im Kampf gegen die RUF bewaffneter Kinder. Mehr als um die bloße Macht geht es in diesem Bürgerkrieg wohl um die Schürfrechte an den riesigen Diamantenvorkommen im Osten des Landes.

Kurze Hoffnung auf eine Freigabe der Kindersoldaten knüpfte sich an ein im November 1996 von der Regierung Kabbah und den Rebellen unterzeichnetes Friedensabkommen, das aber im Zuge der politischen Wirren im Lande rasch gescheitert ist. Seither ist der jahrelange Bürgerkrieg noch blutiger geworden. Um ihre Stärke zu demonstrieren, hacken Rebellen in unfaßbarer Brutalität ganzen Dorfgemeinschaften Hände und Füße ab.