Das Antlitz eines Dinosauriers schaut silbergrau und mild und weise wie ein Einhorn über den Bühnenrand: ganz ungeheuer oben, unter der hohen Decke aus Beton. Eine riesige Pratze ragt daneben über die Brüstung, lässig auf der Kante abgelegt, die Zehenglieder, lang wie Finger, mit menschlicher Eleganz gelöst. Es sieht uns an, das Wesen, zu dem wir aufsehen.

Eine Negerin aus Plastik, im Baströckchen, weist uns den nackten Rücken. Rechts und links sind Pappkisten mit dem Reklameaufdruck eines Hi-Fi-Fabrikanten gestapelt. Fünf Fernseher, diverse Abfalleimer, ein Mikrofon, Kopiergerät, Aschenbecher und Halbkugeln aus rosa Plastik mit dunkler gefärbten Nippeln. Ein Lichtkranz in der Bühnenmitte, eine Vertiefung und ein Sockel mit einem roten Kissen darauf. Kein Zweifel, Franziska Rast hat mit ihrer Bühne zum Lächeln schön gestaltet, was Gisela von Wysocki beschäftigt: Moderne, Technik, Mythos, Ware, Klassizismus, Sex und Theater, alles da. Auch die Perspektive, die sie empfiehlt: Der Zuschauer soll "sich niemals sicher sein, ob er einer jahrtausendealten unbekannten Menschenart zusieht oder der eigenen Spezies".

Anlaß ihres Theaterstücks gab Guillaume Apollinaire, Dichter, Franzose. Im Ersten Weltkrieg trifft ein Granatsplitter seinen Schädel, die Ärzte legen sein Hirn frei. "Während die Chirurgen arbeiten, entlang der Nervenbahnen, Hirnfunktionen, werden Ordnungen, die Zeremonien einer uns unbekannten Menschenart sichtbar: 'Grundrisse' des Europäischen. 'Europa' tritt auf. Seine gestellten Bilder, Veranstaltungen. Die künstlich angelegte 'Person'; die 'Frau' (Braut) und 'Mann' (Fantomas); 'Künstler' (Mozart); 'Ufastar' (Zarah Leander): der Stamm der EUROPI." Man sieht: ein doch geräumiges Programm. Zumal nicht nur die Erwähnten, sondern auch Lenin, Descartes, Anna O., Picasso und Hoppers "Philosoph" auftauchen, et alii. Figuren der Geistesgeschichte, Mythen der Berühmtheit, Bilder des Abendlandes, deren Verbindung zu suchen sich in der Erkenntnis erschöpft: Die Dichterin wollte es so.

Das hätte eine feine Pleite werden können, wenn die Regie sich in den Text begeben hätte und darin umgekommen wäre. Statt dessen hat Jossi Wieler beherzt gekürzt und mit seinem hervorragenden Ensemble aus losen Assoziationen Szenen geknüpft, den thesenhaften Tiefsinn auf seine komische Seite hin inszeniert - aber nicht denunziert - und die lyrischen Stärken des Textes genutzt.

Nach einer Nummernrevue im ersten Teil zwischen Männern (Soldaten, Fliegern, Zotenreißern) und Frauen (Bräuten, Huren, Hysterikerinnen), die aus den Klischees dramatische Funken schlägt, machen seine sieben Schauspieler aus dem zweiten Teil des Abends eine hinreißende Parodie auf ein Hauptseminar im Fach, sagen wir: Komparatistik. Die ewige Assistentin, die beflissen alles mitschreibt, der eifrige Kommilitone im Designerturnschuh, der "das mal eben kopieren" geht, die Professorin mit dem Kurzhaarschnitt, die ihre edlen grauen Pulloverärmel ständig über die Handgelenke zieht, weil es sie friert: Sie geben der Vorlesung Gisela von Wysockis, die aus gemischten Bemerkungen ebensolcher Güte besteht, große szenische Lebendigkeit und jene ethnologische Heiterkeit, die dringend nötig ist.

Denkt man nämlich über gewisse Sätze einmal zu lange nach, bleibt nach dem rhetorischen Effekt sehr wenig übrig: "EUROPA. Mechanik und Melodik eines Geschlechts, dessen Maße festgelegt sind, endgültig definiert." Doch wenn eine Figur sie spricht, die schon selbst einen Effekt der Moderne darstellt (neben den Erwähnten: der Typus des egomanen Regisseurs, des Werbemanns im Outfit von Robert Wilson, der beflissenen Reporterin), dann macht die Sache Vergnügen. Ein Stück erscheint auf der Bühne, das Botho Strauß geschrieben haben könnte, hätte er mit Humor über sich nachgedacht.

Am Schluß grüßt noch einmal das vorzeitliche Wesen: Es trippelt mit den Pratzengliedern, als hätte es sich gelangweilt. War aber allein damit. Vielleicht hat es eine dramatische Erzählung erwartet, wie damals, wie früher im Theater. In der Schneise, die das Werk von Strauß geschlagen hat, liegt auch "Abendlandleben": kryptische Sätze über unsere Kultur, mit schönen Stellen, mit klugen Stellen - aber auch hart an der Grenze des eitlen Unsinns, als Metapher verkleidet. Wenn man es so macht wie das Ensemble in Basel, wird das Kryptische ironisch und aus dem Text wahrhaftig Theater.