Rußland ist als Urlaubsziel schwer verkäuflich. Viele kleinere Veranstalter, die von den neuen Freiheiten der Ära Gorbatschow profitierten, sind längst wieder vom Markt verschwunden. Wegen der Finanzkrise und der Medienberichte über steigende Kriminalität und organisiertes Verbrechen "gibt es viele Vorbehalte und Ängste", sagt der Geschäftsführer des CVJM-Reisedienstes, Gerhard Weber. Mit dem Hamburger Spezialisten für Rußlandreisen fuhren im vergangenen Jahr nur noch rund 4000 Bundesbürger in das größte Land der Welt - halb so viele wie noch vor zehn Jahren.

Schlagzeilen über die Ermordung einer russischen Reformpolitikerin in St. Petersburg und die chaotischen Begleitumstände der Kommunalwahlen in der Stadt an der Newa haben das vor Moskau bedeutendste russische Reiseziel in Mißkredit gebracht. Anläßlich des 25. Jubiläums der Deutsch-Russischen Gesellschaft in Hamburg versuchten Weber und der stellvertretende Bürgermeister von St. Petersburg, Wladimir Jakowlew, Sicherheitsbedenken potentieller Touristen zu zerstreuen. Jakowlew warf den Medien vor, ein schiefes Bild von der Realität zu zeichnen: "In St. Petersburg ist die Lage besser als in den meisten anderen Gegenden Rußlands."

Auch CVJM-Geschäftsführer Weber hält Gruppenreisen nach Rußland nicht für riskanter als die in andere Länder: "Die Mafia hat es ja nicht auf Touristen abgesehen." Auch Olympia-Reisen (Bonn), mit 30 000 Reisenden jährlich Marktführer im Rußlandgeschäft, registrierte nach Auskunft seines Sprechers Jörg Hagenlocher "seit Jahren nie einen ernsthaften Zwischenfall, auch keinen Überfall in Zügen".

Ein besonderes Lockmittel für literarisch interessierte Reisende soll in diesem Jahr der 200. Geburtstag Alexander Puschkins sein. Der russische Nationaldichter wurde am 6. Juni 1799 in Moskau geboren und starb an den Folgen eines Duells 1837 in St. Petersburg. Beide Städte erinnern im Juni mit Festivals und Sonderveranstaltungen an Puschkin. Der CVJM-Reisedienst veranstaltet daher zum Preis von 1345 Mark eine einwöchige Sonderreise.

Bereits seit zwei Jahren registrieren sowohl Olympia-Reisen als auch Dertour wieder steigende Buchungszahlen bei ihren Rußlandprogrammen. Bestseller bleibt St. Petersburg, vor allem, wenn es in der nördlichsten Millionenstadt der Welt während der "Weißen Nächte" Ende Juni und Anfang Juli nicht dunkel wird.

Behindert wird der Reiseverkehr zwischen Deutschland und Rußland durch die langwierige und teure Visabeschaffung. "Last-minute-Tourismus ist quasi nicht möglich, weil ein Visum mindestens zwei Wochen im voraus beantragt werden muß", kritisiert Weber. Wer kurzfristiger bucht, muß die horrende Gebühr von 150 Mark bezahlen.