Wer wie die Autorin 23 oder wie ich 31 Jahre alt ist, steht doch zunächst nicht vor der Frage "Erinnern - aber wie?", sondern vor der Erinnerung steht die Notwendigkeit, zu erfahren, sich kundig zu machen und sich auseinanderzusetzen. Ich halte das für wesentlich, um zu erinnern, aber auch um Gegenwart verstehen und einordnen zu können. Im Wissen um deutsche Vergangenheit erschließt sich mir die Bedeutung von Demokratie und von parlamentarischer Kontrolle, von Rechtsstaatlichkeit und Rechtsmitteln, von Menschen- und Grundrechten.

Ich kann diese Haltung nicht verstehen, die mir vermitteln will, ich hätte mich zu entscheiden zwischen der Zugehörigkeit zu einem normalen Volk und der Erinnerung an den Nationalsozialismus. Für mich gehört beides zusammen, denn ein "normales Volk" (was immer das ist) fällt nicht vom Himmel, sondern hat eine Geschichte. Anmaßend erscheint es mir, denen, die im Nationalsozialismus lebten und überlebten, vorzuschreiben, wie und wann sie sich erinnern dürfen, ihnen nahezulegen, es könnte ein Genug an Erinnerung geben. Ich kann das nicht beurteilen, aber ich kann Erinnerungen respektieren.

Die Erinnerung der anderen sind doch mein Zugang zu unserer Geschichte, ohne sie wüßte ich gar nichts von dem, was gewesen ist. Abgesehen davon, daß es "junge Deutsche mit erweiterter Schulbildung" gibt, die bisher noch keine KZ-Gedenkstätte besuchten, weder Anne Frank noch Damals war es Friedrich lasen und auch Schindlers Liste nicht sahen, halte ich es für verfehlt und wiederum anmaßend, einen Kriterienkatalog der ausreichenden Erinnerung zu erstellen. Zur Auseinandersetzung gehört es für mich, meinen Zugang zu den Erinnerungen zu finden. Mein Umgang mit Erinnerung ist ein Prozeß, der unter anderem davon beeinflußt wird, welche Quellen mir zugänglich sind. Hätte ich, als Imre Kertész an der Uni Köln aus dem Roman eines Schicksallosen las, sagen sollen: "Nein danke, ich kenne bereits Anne Frank"? Erinnerung findet stets in einem Kontext statt, die Bearbeitung und Darstellung des Holocaust und des Nationalsozialismus stellen Interpretationen dar. Ich möchte auf diese Vielfalt nicht verzichten und denke, jeder seriöse Versuch und Beitrag zu unserer Geschichte hat Berechtigung und verdient Respekt.

Außerdem möchte ich bemerken, daß es bedenklich ist, diese Auseinandersetzung dem Lustprinzip zu unterstellen. Ich kann mich nicht erinnern, daß ich, selbst als das Thema erstmals in der Schule behandelt wurde, "Lust" empfand, mich darauf einzulassen. Eine solche Verknüpfung erscheint mir vielmehr absurd. Allerdings konnte ich mit der Zeit verstehen, daß es ein Zeichen von Verantwortung (und nicht von Schuld) ist, mich der deutschen Geschichte zu stellen. Zum einen wegen ihrer Bedeutung für unsere Gegenwart und zum anderen aus Achtung vor den Opfern. Ich kann das wirklich nicht als Zumutung oder zuviel des Guten empfinden.

Susanne Oberndörfer, Köln

Innerhalb des dreijährigen Russischsprachkurses (am Herder-Gymnasium in Minden) unternahmen wir ebenfalls, wie Mareike Ilsemann, eine Reise nach Minsk und in die nahegelegene Gedenkstätte Chatyn, und auch hier stimmen meine Erlebnisse überein: Man will die Opfer nicht vergessen, daher die Gedenkstätte. Aber man identifiziert nicht gleichsam die Täter von damals mit der Generation von heute. Nicht nur in den Diskussionen hierzu wurde dies besonders deutlich, sondern auch darin, daß wir Arm in Arm, russische und deutsche Schüler und Lehrer, schweigend über die Gedenkstätte gingen und wohl auch dasselbe empfanden.

Als eine ebenfalls angemessene Konfrontation mit unserer Geschichte betrachtete ich auch die Bemerkung eines jungen Oberarztes des Pathologischen Institutes während einer Sectio im Rahmen des Medizinstudiums, daß einige der gerade an die Tafel geschriebenen Normwerte durch unglaubliche Verbrechen an Juden erarbeitet wurden. Zweifellos war in seinem Lehrplan diese Bemerkung nicht vorgeschrieben, so natürlich, wie er dies anmerkte. Man braucht uns junge Deutsche nicht dazu ermahnen - eine unweigerliche Gedenkminute folgte dieser Bemerkung ohne Aufforderung, und jeder schluckte.