In der Erinnerung seiner Zeitgenossen gehörte "Panzermeyer" zu den bekanntesten deutschen Kriegshelden. Kaum 35 Jahre alt, war er bereits Generalmajor und damit der jüngste General der Waffen-SS. 1943 stellte er eine SS-Panzerdivision auf und führte sie später als ihr Kommandeur. Kampfeinsätze erlebte dieser SS-General eigenem Bekunden zufolge als beflügelnden "Kriegsrausch". Panzermeyer war der Typ des "schneidigen" Draufgängers, der auch persönlich keine Gefahr scheute und seine Truppe "hart, aber gerecht" führte. Von der Notwendigkeit des Krieges gegen nahezu alle europäischen Nachbarvölker Deutschlands war er ebenso überzeugt wie von der Führer- und Vaterfigur Hitler, an die er bedingungslos glaubte. Er sah sich als wagemutiger Mustersoldat in einer Welt des ewigen Kampfes. An der Richtigkeit seines Tuns kamen ihm während des Krieges niemals Zweifel. Auch später nicht. So ist wohl der Titel dieses Buches zu verstehen: Geweint wird, wenn der Kopf ab ist. Was wohl heißen soll: Geweint - getrauert - wird nicht zu Lebzeiten, also nie!

In der Tat verlief das Leben dieses Generals der Waffen-SS in einer bemerkenswerten Geradlinigkeit. Was andere vielleicht als bornierte Lernunfähigkeit und trotzige Unbußfertigkeit charakterisieren würden, sah er selbst als eine deutsche Tugend an: Wir haben nichts zu bereuen. Nach dem Kriege wurde Panzermeyer von einem kanadischen Militärgericht wegen Kriegsverbrechen zum Tode verurteilt. Die Richter machten ihn dafür verantwortlich, daß Soldaten seiner Panzerdivision kanadische Kriegsgefangene ermordet hatten. Meyer verbrachte mehrere Jahre in kanadischen und deutschen Gefängnissen, wurde dann aber begnadigt und 1954 aus der Haft entlassen.

Mit dem Hitler-Bild im Wohnzimmer aufgewachsen In die Bundesrepublik Deutschland zurückgekehrt, wurde der jetzt 45jährige ehemalige SS-Offizier sogleich wieder einschlägig aktiv. Er übernahm die Leitung der Hilfsgemeinschaft der Soldaten der ehemaligen Waffen-SS (HIAG). Nicht nur, daß er sich den "alten Kameraden" verpflichtet fühlte; mit ihnen verband ihn auch das Stigma, daß die Waffen-SS im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozeß als "verbrecherische Organisation" verurteilt worden war, so wie man ihn selbst als Kriegsverbrecher verurteilt hatte. Beide Vorgänge begriff er als Unrecht. In diesem Sinne verstand er sein Amt als HIAG-Vorsitzender. Bis zu seinem frühen Tode im Jahre 1961 kämpfte er für die Rehabilitation der Waffen-SS und ihrer Angehörigen. Sein 1957 veröffentlichtes Buch Grenadiere, ein Dokument des "Kriegsrausches" der Waffen-SS, wurde ein Bestseller. Es erlebte viele Auflagen und wurde 1994 auch in englischer und 1997 in französischer Übersetzung publiziert.

Die ebenso beeindruckende wie beängstigende Vita dieses SS-Generals bildet den Hintergrund und Anstoß für das fesselnde Buch von Kurt Meyer, seinem Sohn. Meyer junior wurde 1945 geboren. Er studierte unter anderem Geschichte und arbeitet heute als Lehrerausbilder am Studienseminar in Kassel. Als der Vater noch im kanadischen Gefängnis saß, reichte sein langer Arm stets in die Familie hinein: Die Fernsteuerung, welcher der Junge ausgesetzt war, könnte man als eine "Erziehung durch Briefe aus dem Gefängnis" bezeichnen. Als der Vater dann endlich zurückkehrte, war der Junge neun Jahre alt.

Das häusliche Ambiente, das Meyer senior nun gestaltete, erinnerte auf Schritt und Tritt an die vermeintlich glorreiche Vergangenheit: Hitlerbild im Wohnzimmer neben einem Bild Friedrichs II., das Ritterkreuz, ein Ring mit SS-Runen. Der Vater nahm seinen Jungen des öfteren auf Versammlungen der ehemaligen Waffen-SS-Leute mit, ließ ihn seine Vorträge anhören und hielt ihn dazu an, regelmäßig das HIAG-Verbandsorgan Der Freiwillige zu lesen. Ein verlogener Titel übrigens, denn beispielsweise bestand die von Panzermeyer geführte Division der Waffen-SS keineswegs aus Freiwilligen, sondern großenteils aus zwangseingezogenen jungen Männern und unterschied sich in ihrer Sozialstruktur kaum von einem vergleichbaren Verband der Wehrmacht.

Kurt Meyer, der Sohn, wuchs in den fünfziger Jahren also buchstäblich im geistigen Umfeld der Waffen-SS auf. Er konnte es damals, wen wundert es, noch kaum richtig einordnen, weshalb ihn die meisten seiner Schulkameraden mieden, verspotteten und zum Außenseiter stempelten. Der übermächtige Vater war ihm näher und wichtiger. Als dieser dann plötzlich starb, war der Sohn 16 Jahre alt. Erst jetzt begann er nachzudenken und sich - emotional wie intellektuell - mit der Welt seines Vaters auseinanderzusetzen, erst suchend, tastend, dann immer kritischer werdend. Den naheliegenden Weg des Verdrängens ging er nicht. Meyers Buch legt Zeugnis ab von seiner bewundernswerten Anstrengung, sich auf dem Wege über den Vater-Sohn-Konflikt intensiv mit der NS-Zeit auseinanderzusetzen. Allerdings handelt es sich dabei nicht um eine Kommunikation zwischen Lebenden, sondern um ein einseitiges Gespräch des Sohnes mit dem stummen Vater, der bis zu seinem Tode geradlinig, sprich: unbelehrbar geblieben war.

Diese Konstellation kann im übrigen als durchaus typisch für den Generationenkonflikt zwischen vielen Tätern der NS-Zeit und ihren Kindern angesehen werden. Das Buch von Kurt Meyer gehört damit in eine Reihe mit den Arbeiten von Christoph Meckel (Suchbild, 1980), Dörte von Westernhagen (Die Kinder der Täter, 1987), Niklas Frank (Der Vater, 1993) und Martin Bormann (Leben gegen Schatten, 1996). Während diese Autoren in zum Teil schonungsloser Weise mit ihren Vätern abrechneten, ist Kurt Meyer zurückhaltender. Er geht niemals so weit, über seinen Vater, dem er sich trotz allem verbunden fühlt, den Stab zu brechen. Sein vordringliches Bedürfnis besteht darin, zu verstehen, wie sich dessen Denkmuster und Haltung entwickelten. Der Sohn argumentiert mit seinem toten Vater, er analysiert dessen Idealismus und entdeckt gleichzeitig seinen hochgradigen Realitätsverlust. Ohne je die Geduld zu verlieren, hält er den - noch ganz der NS-Propaganda verpflichteten - Rechtfertigungssprüchen des Vaters jene historischen Fakten entgegen, die er sich auf der Suche nach der Wahrheit angeeignet hat - durch zunächst ziemlich wahllose Lektüre der Forschungsliteratur über die NS-Zeit und den Zweiten Weltkrieg.