Alarmstimmung in Bonn: Eigentlich sollte der Ausstieg aus der Atomenergie einvernehmlich über die Bühne gehen. Doch wenige Tage vor den Konsensgesprächen mit den AKW-Betreibern sind die Fronten verhärtet wie nie. Notgedrungen trifft sich Bundeskanzler Gerhard Schröder, der die Energiewirtschaft schon im Dezember bei einer Plauderstunde im kleinen Kreis besänftigen konnte, am Montag erneut mit den Unternehmenschefs. Denn die fühlen sich von Umweltminister Jürgen Trittin hinters Licht geführt, der die Wiederaufarbeitung in Frankreich und England schon Ende dieses Jahres stoppen will.

Knapp eine Woche vor Beginn der eigentlichen Konsensgespräche fühlen sich die Unternehmen durch Trittins Vorstoß in einem Ausmaß brüskiert, daß "ein Konsens in Frage gestellt ist". So jedenfalls sieht PreussenElektra-Vorstandsvorsitzender Hans-Dieter Harig das Bonner Geschehen und trat als Sprecher der Kernkraftbetreiber zurück. Als Sprachrohr der gesamten Branche könne er sich lediglich "verwässert" äußern und müsse Abstriche machen: "Ich muß jetzt mein eigenes Unternehmen vertreten, ohne Kompromisse machen zu müssen." Nun kann er ganz unverhohlen poltern: "Ich frage mich, ob die jetzige Chaossitution bewußt geschürt wurde, obwohl dabei erhebliche volkswirtschaftliche Schäden entstehen."

Gelassener zeigt sich HEW-Chef Manfred Timm, der als möglicher Nachfolger Harigs auf dem Sprecherposten gehandelt wird - wenn es denn überhaupt einen geben soll. Doch auch Timm treibt die Sorge um, daß "die verabredete Verständigung vom Dezember verlassen wird". Die Nuklearbarone sind schockiert von Trittins Tempo, der seine Atomnovelle mit dem Verbot der Wiederaufarbeitung schon am Tag nach Beginn der Konsensgespräche, am 27. Januar, dem Bundestag vorlegen will. So sei das nicht vereinbart gewesen, zetern die Branchenfürsten, jedenfalls nicht im Dezember, als sie sich am Kamin des Kanzlers die Zukunft der Atomenergie deuten ließen.

Vielleicht waren sie an jenem Dezembertag auch nur nicht ganz bei der Sache. Sonst hätten sie nach Ansicht von Wirtschaftsminister Werner Müller hinreichend Gelegenheit gehabt, ihre Bedenken auf den Tisch zu legen. Denn "daß die Wiederaufarbeitung verboten wird, steht im Koalitionsvertrag" (Werner Müller). Und nicht nur das: Das Verbot ist sogar Teil des vordringlichen 100-Tage-Programms. Für die erst jetzt vorgetragenen Einwände hätten die Kernkraftbetreiber damals wahrscheinlich ein offenes Ohr gefunden. Schließlich sind ihre sonstigen Beschwerden über den Atomkurs von Umweltminister Jürgen Trittin nicht nur gehört, sondern im Gesetzesentwurf berücksichtigt worden.

Müller seinerseits ist daher einigermaßen verwirrt von den harschen Reaktionen: "Seit Jahren hat die Branche selbst gefordert, sie brauche in einem neuen Atomgesetz die Möglichkeit zur direkten Endlagerung. Jetzt soll es die geben, und über Nacht tauchen plötzlich so viele Probleme auf." Wahrscheinlich waren Schröders damalige Gesprächspartner zwar gewappnet für einen allgemeinen Kaminabend, in der Sache jedoch zuwenig versiert, um die Kettenreaktion überblicken zu können, die mit der Atomnovelle ausgelöst wird.

Ohne hinreichende Kenntnis der Fakten ist aber weder die komplexe Materie der Kernenergie zu verstehen noch die des Ausstiegs. Das gilt nicht nur für die Vorstände, die zum Plausch beim Kanzler vorfahren, sondern teilweise auch für die Minister der rot-grünen Koalition. Die Fachebenen der beteiligten Ministerien seien zuwenig beteiligt worden, berichten Insider. Und sie hätten sich - bewußt oder unbewußt - auch zuwenig mit den Fachleuten der Unternehmen abgestimmt.

Gleichwohl steuert der Kompromiß, mit dem die Bundesregierung in die Konsensgespräche geht, zwar den Atomausstieg an, jedoch mit scheinbar moderaten und machbaren Modulen. Wenn statt der Wiederaufarbeitung die direkte Endlagerung gesetzlich festgeschrieben wird, spart die Branche damit sogar Geld, weil Wiederaufarbeitung teurer ist. Bis zur tatsächlichen Endlagerung des Atommülls - wo immer die jemals stattfindet - wird eine Zwischenlagerung in Kraftwerksnähe zur Pflicht. Das schließt dann Atomtransporte aus.