Das Gesicht der Politik ist eine Maske. Wahre Gefühle bleiben verborgen, falsche Gefühle werden zur Schau gestellt. Mit einem Pokerface schützen Politiker ihr Inneres vor dem Auge der Öffentlichkeit - was verständlich ist. Mit herbeigerufener Betroffenheit oder aufgesetztem Zorn kämpfen sie um Stimmen - was peinlich ist. In jedem Spitzenpolitiker steckt ein Schauspieler, aber kaum einer spielt gut genug, um nach Wunsch Tränen fließen zu lassen, gemäß den Wahlzielen. Wenn Politiker weinen, zeigen sie Regungen, denen zu trauen ist.

In Erinnerung sind die Tränen von Irmgard Schwaetzer oder die Tränen von Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Die eine durfte nach üblem Spiel eines Parteikollegen nicht Außenministerin werden, die andere hatte sich beim Kampf gegen den Großen Lauschangriff nicht durchgesetzt. Helmut Schmidt weinte, als ihm Hans-Jürgen Wischnewski aus Mogadischu meldete, alle Geiseln seien befreit. Wolfgang Schäuble rieb sich die nassen Augen, als Helmut Kohl auf dem jüngsten Parteitag der CDU abtrat.

Etwas Besonderes waren die Tränen des vergangenen Wochenendes. Theo Waigel hielt seine letzte Rede als Vorsitzender der CSU, gegen Ende schwamm der halbe Saal in einem Tränenmeer. Aber es ging nicht um Abschied. Der Parteitag weinte, als sich Waigel bei seiner Frau Irene und seinen Kindern bedankte. Warum verlor er just da die Fassung? Warum schneuzte sich Ministerpräsident Edmund Stoiber und putzte ein paar Tränen von den Wangen, obwohl er kein Freund Waigels ist?

Man braucht nicht viel Phantasie, um sich das Familienleben des Theo Waigel in den letzten Jahren vorzustellen. Er war Vorsitzender der CSU und Bundesfinanzminister und Mitglied des Deutschen Bundestages. Für seine Familie war Waigel oft eine Zumutung, wie jeder Spitzenpolitiker. Vielleicht hat er daran gedacht, als er sich bedankte. Und wenn Stoiber nicht Waigels Familie beweint hat, dann die eigene? Von ihm ist bekannt, daß er praktisch rund um die Uhr arbeitet.

Stoiber sagte in seiner Rede: "Ehe und Familie sind für uns das Fundament unserer Gesellschaft." Was er selbst lebt, paßt nicht zu diesem Satz. Es wäre aber ungerecht, deshalb von falschen Tränen zu reden. In jedem Leben gibt es Momente, in denen das Selbstverständliche nicht mehr gilt, sondern das Gegenteil. Auf dem Parteitag der CSU standen für eine halbe Minute die Familien der Politiker im Vordergrund. Die kollektive Rührung war ehrlich, aber folgenlos. Stoibers Terminkalender wird, wenn das geht, noch mehr zugeschaufelt. Er ist nun Ministerpräsident und Parteichef.

Die Politiker kriegen das, was sie wollen: einen interessanten Job, Karriere, vielleicht Ruhm. Mitleid ist also nicht nötig. Wer sich empört über ihren mangelnden Familiensinn, liegt ebenfalls daneben. Politik gilt in den Augen der Gesellschaft als Totalität für die Politiker. Wehe, ein Abgeordneter hat am Wochenende keine Zeit für die Probleme und Problemchen seines Wahlkreises. Die Familien sind in keiner Rechnung drin. Ihnen bleiben hier und dort ein paar Stunden und in den Abschiedsreden sechs Zeilen freundliche Worte.