Vor rund drei Millionen Jahren lebte im Süden Afrikas der Australopithecus africanus, ein zotteliges Mischwesen. Er ging zwar aufrecht wie ein Mensch, hatte aber noch ein kleines Gehirn, lebte im Wald und kletterte - ganz Affe - vermutlich gern und geschickt auf Bäumen herum. Die anderen Lebensgewohnheiten des Vormenschen blieben bis jetzt im dunkeln. Doch dank einer trickreichen neuen Methode haben Anthropologen von der Universität in Kapstadt unserem Ahnen jetzt einige seiner Geheimnisse entrissen. Matt Sponheimer und Julia A. Lee-Thorp analysierten das Verhältnis zweier Kohlenstoff-Formen, sogenannter 13C- und 12C-Isotope, im Zahnschmelz des Australopithecus africanus.

Dabei förderten sie Überraschendes zutage: Anders als bisher angenommen, ernährten sich die frühen Afrikaner nicht nur von Beeren, Früchten und Blättern des Waldes; ihr Hunger zog sie auch auf die Steppe hinaus (Science , Bd. 283, S. 368). "Vermutlich befanden sich ihre Herzen und ihre Heimat in den Wäldern, aber ihre Mägen verbanden sie mit dem offenen Gelände", beschreibt Sponheimer die Lebensweise der Frühmenschen. Dort aßen sie entweder Gräser, Seggen und deren Samen, oder sie ernährten sich von Tieren, die wiederum Gräser und Seggen aßen. Diese sogenannten C4-Pflanzen verwerten Kohlendioxid etwas anders als Bäume, Büsche und Kräuter. Dabei entsteht häufiger das 13C-Isotop, das dann auch vermehrt über die Nahrung zum Vormenschen und in seine Zähne gelangte - ein kleiner chemischer Unterschied, der über Jahrmillionen erhalten bleibt.

Sollte Koch recht behalten, müßten Anthropologen eine liebgewonnene Theorie über den Haufen werfen: Bisher dachten sie, der Mensch verdanke sein großes Gehirn nicht zuletzt dem Verzicht auf vegetarische Lebensart. Erst der Umstieg auf eiweißreiche, besonders nahrhafte Fleischmahlzeiten erlaube den Luxus eines großen, viel Energie verbrauchenden Denkzentrums. Die These stützt sich vor allem darauf, daß sich Gehirne und Gebisse der Vormenschen ungefähr zur gleichen Zeit veränderten: Die einen vergrößerten sich, als die anderen immer schärfer wurden, um Fleisch besser kauen zu können. Beide Trends setzten aber erst vor rund zweieinhalb Millionen Jahren ein.

Der Zahnschmelz von Australopithecus afri-canus scheint jetzt einen Strich durch diese schöne Rechnung zu machen. Denn hätten die Vormenschen tatsächlich eine halbe Million Jahre früher Fleisch gegessen, als bisher gedacht, wären auch ihre Gehirne früher gewachsen. Die Anthropologin Margaret Schoeninger von der University of Wisconsin in Madison ist indes skeptisch. "Die Daten sind sicher faszinierend", gibt sie zu. Aufgrund des Gebisses und der Kiefer von Australopithecus africanus glaubt sie aber, er habe vor allem Nüsse geknackt. Bei seinen Ausflügen in die Steppe könnte er Grassamen oder grasfressende Insekten verzehrt haben.

Eines haben die Zähne des frühen Afrikaners aber schon jetzt geklärt: Bereits jene Vormenschen, die noch wie Baumbewohner aussahen, verließen die Wälder. Auch das Rätsel, was Australopithecus africanus tatsächlich in der Steppe aß, dürften die Zähne bald lösen helfen: Forscher werden nun bestimmt auch das Verhältnis weiterer Isotope des Zahnschmelzes untersuchen, etwa von Sauerstoff, Strontium oder Kalzium. Dann dürften sich deutliche Unterschiede zwischen den Vegetariern und den Fleischessern abzeichnen.