Daß viele Studenten im Hörsaal am falschen Platz sind und daß die Universitäten besser arbeiten könnten, wenn sie sich ihre Studenten aussuchten (und umgekehrt), darüber sind sich mittlerweile alle einig. Fragwürdig war allerdings das Verfahren, mit welchem der Marburger Soziologe Dirk Kaesler dieser Einsicht zum Durchbruch verhelfen wollte. Er schleuste den langjährigen Bildungsexperten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Kurt Reumann, als Freund getarnt in sein Seminar ein, um ihm die Unbedarftheit seiner Studenten live zu präsentieren - eine Erfahrung, die Reumann dann umgehend publizistisch ausschlachtete.

Nun sei einmal dahingestellt, ob sich mangelnde Studierfähigkeit in einem derartigen Freundeskreis ad hoc und gleich stellvertretend für angeblich 600 000 unfähige deutsche Studenten diagnostizieren läßt. Zumindest eines aber scheint die These von der nachlassenden Studieneignung nahezulegen: Keiner der Studenten hatte Reumann erkannt. Dergleichen hat es früher nicht gegeben. Mitte der siebziger Jahre wurde der Journalist von Marburger Studenten nicht nur sofort geoutet, sondern - wie Reumann sich erinnert - obendrein auch noch verprügelt.