Los Angeles

Stellen wir uns eine Livesendung aus der Französischen Revolution vor. Herbst 1792: der Hochverratsprozeß gegen den König. Die Straßen wie ausgestorben. Mörderische Stille im Konvent. Georges Danton tritt ans Rednerpult. Er beschwört die Freiheit der Griechen, die Tugenden der Römer, die Ideale der Aufklärung. Er fordert den Kopf Ludwigs XVI. "Der König hat den Pakt des Vertrauens mit seinem Volk gebrochen!" Dann eine Einblendung: CNN-France zeigt die neuesten Meinungsumfragen. 63 Prozent sind fürs Kopfabschlagen, 36 Prozent dagegen. Eine Expertenrunde unter Leitung von Madame de Staël diskutiert im Studio die Ergebnisse des Tages. Der Marquis de Sade äußert Verständnis für die Exzesse seines Monarchen, der hagere Herr Marat verurteilt sie. Ein royalistischer Verleger droht, die außerehelichen Affären einiger notorischer Jakobiner publik zu machen. Der Anwalt Robespierre und ein früherer Abbé gehen sich vor der Kamera an die Gurgel. Die Werbepause macht ihrem Streit ein Ende.

Im amerikanischen Senat will niemand morden. Auch ein Systemwechsel ist nicht in Sicht. Dennoch benehmen sich die Damen und Herren, die seit Mitte vergangener Woche immer werktags aus dem Bildschirm reden, so feierlich, als stünde ihnen das Wort "Weltgeschichte" in Großbuchstaben quer über die Stirn geschrieben. Drei Tage und insgesamt 24 Stunden lang durften die Prozeßbevollmächtigten des Repräsentantenhauses ihre Anklage gegen den Präsidenten erläutern und begründen. Sie schenkten uns keine Minute. Die edle Entrüstung des Chefanklägers Henry Hyde, der die Helden von Bunker Hill und Omaha Beach beschwor, um Bill Clintons Absetzung zu fordern, und der schneidige Zorn seines Kollegen James Sensenbrenner wirkten noch halbwegs belebend, aber die durch Schautafeln gestützten Ausführungen ihrer elf Mitstreiter ließen den deutschen Reporter zunehmend nervös mit der Fernbedienung spielen. Einer der von MSNBC befragten Experten aus dem Washingtoner Establishment entschuldigte die bläßliche Ausstrahlung der Ankläger mit dem Hinweis, die Herren besäßen "nicht genügend Kameraerfahrung". Wohl wahr.

Die hundert Halbgötter im Senat mußten den Anklagefeldzug von Hydes Männern ebenso wortlos verdauen wie die drei Tage später anrollende Gegenoffensive der Anwälte des Weißen Hauses. Einige Senatoren hatten den Ernst der Lage begriffen und sich entsprechend vorbereitet: Einer brachte Erdnußbuttersandwiches, ein anderer eine Schachtel Pralinen, ein dritter einen Packen Kreuzworträtsel mit zum Prozeß. Wieder andere hielten sich mit Kaugummikauen und Fußgymnastik wach auf ihren Stühlen. So jedenfalls meldeten es die Tageszeitungen. Das Fernsehen bot nur den vorgeschriebenen starren Blick auf die Rednertribüne: Impeach TV total. Manchmal hat die Presse eben doch die besseren Karten.

Nächste Woche mehr! Bleiben Sie dran!