Ein Blutbad, nicht das letzte. Ein Alptraum ohne Ende. Im Kosovo kommt es noch schlimmer, als die größten Pessimisten befürchteten. Und es kommt noch früher, als sie dachten. Im Oktober zwang der Westen Milocevic mit der Drohung von Luftschlägen zum Abbruch seiner Offensive gegen die albanische Guerilla UÇK. Damals warnte der oberste General der Nato: Bis zum Frühjahr müsse ein Autonomiestatut für die mehrheitlich von Albanern bewohnte serbische Provinz gefunden sein, sonst beginne der Zyklus der Gewalt von neuem. Die Kampfpause hielt nicht bis zum Beginn der Schneeschmelze. Nach dem Massaker von Raˆak - dort wurden am vergangenen Freitag mindestens 45 Albaner ermordet - ist der prekäre Frieden dahin. Vom Waffenstillstand ist keine Rede mehr, die Beobachtermission der OSZE und die Verhandlungen der internationalen Kontaktgruppe sind desavouiert.

Jetzt muß es gelingen, das Morden zu beenden. Es geht um Menschenleben. Und es geht um die Zukunft der Nato - just da sie auf einem Gipfeltreffen in Washington Ende April ihr 50jähriges Bestehen mit einem ehrgeizigen neuen Einsatzkonzept für das 21. Jahrhundert feiern will.

Der Westen steht nun vor einem noch größeren Dilemma als noch vor drei Monaten. Mit dem Einsatzbefehl vom 12. Oktober hat die einzige noch funktionierende Sicherheitsallianz der freien Welt ihre Glaubwürdigkeit in die Waagschale geworfen - für einen hügeligen Balkanzipfel ohne geostrategische Bedeutung, in dem sich die Soldateska eines Schurkenstaates und eine tribal-mafiotische Rebellenmiliz gegenüberstehen: zum Äußersten entschlossen und darauf spekulierend, daß der Westen genau davor zurückschrecken wird. Drei Optionen bleiben: Jede ist mit enormen Kosten und Risiken verbunden.

Rückzug: Soll man die Kämpfenden sich selbst überlassen und warten, bis sich der Rauch gelegt hat, um dann dem Sieger die Hand zu schütteln? Solch "absichtsvolles Warten" warf Morton Abramowitz, der Vorsitzende des angesehenen Think Tank International Crisis Group, dem Westen im vergangenen Sommer vor: Dezimiert und entmutigt war die UÇK, an die 2000 Menschen starben, 300000 wurden vertrieben, ehe die Nato sich entschloß, Slobodan Milocevic in den Arm zu fallen. Doch wer wollte eine Wiederholung dieses Schauspiels verantworten - zumal angesichts der drohenden Flüchtlingsströme und im Wissen, daß die fragile Balance der Völker im Südbalkan vollends zerstört werden könnte?

Weiterverhandeln: Aus allen Hauptstädten erschallt nun in seltener Einstimmigkeit der Ruf nach einer "politischen Lösung". Das hieße die OSZE-Beobachter im Kosovo lassen und sie wie geplant von 700 Mann auf die vorgesehenen 2000 aufstocken; die zerstrittenen Albanerführer zu einer einheitlichen Linie nötigen; die Kampfparteien an einen Tisch bringen und die Schuldigen am Massaker von Raˆak mit den Mitteln des Völkerstrafrechts verfolgen.

Nur: Im Kosovo stehen alle Zeichen auf Eskalation, nicht Kompromiß. Der Beauftragte der Kontaktgruppe, der Amerikaner Christopher Hill, hat zäh und geduldig zwischen Belgrad und der Provinzhauptstadt Prishtina verhandelt - aber alle seine Vorschläge für eine Autonomie des Kosovo wurden rundheraus abgelehnt. Die UÇK hat sich längst über ihre nordalbanischen Basen mit neuen Kämpfern, Geld und modernsten Waffen regeneriert - derweil serbische Truppen- und Polizeiverbände, schwerer bewaffnet denn je, wieder auf die Krisenregion zurollen. Inzwischen wagt der Gewaltherrscher in Belgrad gar die offene Brüskierung. Der Chef der Beobachtermission, William Walker, wird ausgewiesen, die Chefanklägerin des Haager Kriegsverbrechertribunals, Louise Arbour, gar nicht erst ins Land gelassen. Wie lange will der Westen noch mit einem Mann verhandeln, von dem er längst erkannt hat, daß er nicht die Lösung für das Problem, sondern das Problem selbst ist? Und welcher neue Deal könnte Milocevic den Verzicht auf das Amselfeld schmackhaft machen, bei dem der Westen sich nicht selbst verkaufen würde?

Militärische Intervention: Der Einsatzbefehl der Nato ist nach wie vor in Kraft. Die Lust der Alliierten, ohne UN-Mandat gegen einen souveränen Staat in den Krieg zu ziehen, war schon Anfang Oktober gering. Mit gutem Grund. Luftschläge allein, wie sie von den Nato-Mitgliedsregierungen genehmigt worden waren, hätten das Bündnis zur Luftwaffe der UÇK gemacht und ihr den Weg freigeschlagen zu ihrem eigentlichen Ziel: einem unabhängigen Kosovo. Ganz abgesehen von der Frage, ob ein solches Gebilde als Staat überlebensfähig wäre - die Auswirkungen auf die Stabilität der Region könnten verheerend sein.

Amerika will keinen GI auf dem Amselfeld sein Leben riskieren lassen. Aber wie wäre es, wenn die Europäer - statt über amerikanische Arroganz und hegemoniale Gelüste zu klagen - mit ihrem Projekt einer "europäischen Verteidigungsidentität" Ernst machten und im Krisengebiet zwischen Wien und Athen selbst die Verantwortung übernähmen? Wenn sie Führung und Einsatzbereitschaft zeigten und so bewiesen, daß Europa nicht nur ein Kommerz- und Konsumverein auf Gegenseitigkeit ist, sondern eine Wertegemeinschaft?

Dann wäre es auch vielleicht etwas einfacher, bei der Debatte um das neue strategische Konzept Europas Gewicht als gleichberechtigter Partner einzubringen. Und wenn es gar gelänge, dem Kosovo etwas Frieden zu bringen, dann gäbe es im April bei der Jubiläumstagung in Washington wirklich etwas zu feiern.