Erwachsene brauchen Struktur. Wenn wir erwachsen werden, lernen wir, die Welt zu strukturieren: Aha, ich weiß Bescheid, kenn' ich schon, hier geht's lang. Strukturen geben Orientierung. Wo Struktur fehlt, werden wir unsicher.

Deshalb werden viele Erwachsene beim Ansehen der CD-ROM MitterNachtsSpiel im ersten Moment verwirrt reagieren. Anders als ein Buch, bei dem wir wenigstens anhand der Dicke der gelesenen und ungelesenen Seiten sehen können, wieviel wir schon geschafft haben und wieviel noch vor uns liegt, stürzt uns die CD in die Ungewißheit: Eine Seite erscheint - eine grüne Fläche, zwei unregelmäßig herausgerissene vertikale gelbe Streifen. Und jetzt? Keine Gebrauchsanweisung, die einem sagt, was zu tun ist. Ja, es gilt nicht einmal der Grundsatz, daß gleiche Handlungen zum gleichen Ergebnis führen. Interface-Designer und Ergonomen würden sich die Haare raufen. Der einzige (und rettende) Hinweis: Mit der Leertaste kommt man zum nächsten Bild. Ansonsten heißt die Devise: "Kindlich erforschen". Mit der Maus über die Seite fahren, hier klicken, da klicken - und plötzlich entpuppen sich die gelben Streifen als Schächte, durch die man Schattenrißfiguren fallen lassen kann, von oben nach unten, von unten nach oben, und die erzeugen dabei die schönsten Töne.

Aber die CD-ROM ist viel mehr als eine kongeniale Umsetzung des Buches. Sie nutzt die Möglichkeiten des Mediums Computer aus - nicht durch flimmerndes Augenpulver, sondern durch witzige Animationen (Programmierung: Jean-Philippe Pugeot) und musikalische Kako- und Symphonien (Komponist: Michiru Osima). Jedes Kapitel ist eine Bühne, deren Akteure und Szenerien sich erst durch den Forschergeist des Lesers/Hörers/Betrachters erschließen. So läßt irgendwann auch der struktursüchtige Erwachsene die Kontrolle fahren und versinkt spielend in der meditativen Erforschung der Pacovskáschen Zirkusbühne.

Das computerspielerfahrene Kind reagiert natürlich ganz anders. Es weiß längst, daß auf Kinder-CD-ROMs die interessantesten optischen und akustischen Effekte irgendwo versteckt sind. Und so beginnt die wilde Klickerei, die freilich nicht weit führt. Und auch das Spannungsmuster, mit dem sonst schon die Spiele für die Kleinsten locken, fehlt dem MitterNachtsSpiel: Es gibt keine Punkterekorde, keine Levels, und ballern kann man auch nur wenig. Und so könnte es sein, daß die Scheibe vom actiongewohnten (männlichen) Nachwuchs erst mal mit Nichtachtung gestraft wird. Dann sollte man sie hüten und pflegen - vielleicht bekommt sie in ruhigeren Zeiten die Gelegenheit, ihren phantasievollen Charme zu entfalten. Christoph Drösser

LUCHS 145 wurde ausgewählt von Doris Dörrie, Mirjam Pressler, Jens Thiele und Konrad Heidkamp. Am 28. Januar 1999, 14.05 Uhr, stellt Radio Bremen 2 seinen Hörern die CDROM für Kinder vor (Redaktion: Marion Gerhard). Das Gespräch mit dem Rezensenten ist abrufbar im Internet unter www.radiobremen.de .

Kv€ta Pacovská:MitterNachtsSpiel CD-ROM für Windows und Macintosh; Tivola Verlag Berlin; 69,-DM