Wie ein Kirchenfürst sieht Karl Lehmann nicht aus, wenn er nicht gerade von Amts wegen sein Habit anlegen muß. Trotzdem ist er Bischof von Mainz und überdies Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Wie ein Professor sieht er nicht aus - und trotzdem hat er, als Schüler von Karl Rahner, lange Jahre systematische Theologie gelehrt, in Mainz und Freiburg. Im Grunde ist er immer ein Gewächs seiner Heimat geblieben: ein bodenständiger Mann von der Schwäbischen Alb. Die Protestanten, die von dort kommen, können bisweilen schwärmerische, weltabgewandte Züge annehmen. Die Katholiken der Gegend sind erdverbundene Leute. Deshalb lautet ein Schlüsselsatz, auf den man bei Lehmann immer wieder stößt: "Das Christentum ist nicht dazu da, alle möglichen Utopien zu fördern, sondern ist eine Religion des nüchternen Realismus." Das klingt wie eine katholische Abwandlung des Satzes von Max Weber über das Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß.

Nun allerdings gilt es für Lehmann, das härteste Brett zu bohren, das ihm jemals vorgelegt worden ist. Am Montag endet das Jahr, das sich die katholischen Bischöfe gegeben haben, um auf einen dringenden päpstlichen Rat zu antworten. Der lautete, sie sollten sich aus der obligatorischen Konflikts-Beratung im Rahmen des Paragraphen 218 zurückziehen. Nun soll Lehmann dem Ständigen Rat der Bischofskonferenz berichten, was eine Kommission empfiehlt. Dann wird die Debatte sich zuspitzen bis zur Vollversammlung der Bischöfe im Februar, ja: bis zu einer Reaktion aus Rom. Im schlimmsten Fall: bis die Vermittlungsarbeit von Karl Lehmann desavouiert wird.

Wie also hält Lehmann dies aus? Paradoxerweise: durch noch mehr Arbeit. Auf dem Fußboden seines großen Studierzimmers häufen sich die Papiere stapelweise. Seine umfassende persönliche Bibliothek füllt alle irgendwie brauchbaren Gelasse im Mainzer Bischofshaus. Angelegt in seiner Zeit als Professor in Mainz und Freiburg, wird sie mit allen wichtigen Neuerscheinungen auf dem laufenden gehalten - nicht nur in den klassischen Disziplinen der katholischen wie der evangelischen Theologie sowie der Philosophie; selbst die Lehrer und Schüler der Frankfurter Schule würden staunen über die Vollständigkeit. Es grenzt an ein Wunder und ist nur mit langer nächtlicher Studienarbeit zu erklären, daß Lehmann neben seinen Amtspflichten in allen wesentlichen Debatten mehr als die Übersicht behält. Wer als Besucher beiläufig nach einem in Amerika publizierten Aufsatz fragt, bekommt ihn mit einem Handgriff präsentiert.

Karl Lehmann ist alles andere als ein blasser Intellektueller. Dagegen spricht seine in sich ruhende Erscheinung, seine lebendige Sprache, sein sprechendes Gesicht. Aber er kann offenkundig nicht leben ohne gründlichste wissenschaftliche Beherrschung des Stoffes. Mitarbeiter, so liest man gelegentlich, wunderten sich darüber, daß er - so seine Selbstbeschreibung - als "Arbeiter der letzten Stunde" alles selber machen und schreiben wolle, nicht mit dem Computer, sondern per Hand. Man kann sich in der Tat nicht vorstellen, daß er jemals etwas vorträgt, was er nicht selber ausgearbeitet hat. Dafür klingt aber auch jedes Wort authentisch. Und selbst angesichts scheinbar entlegener Fragen verblüfft er in Sitzungen mit einem eigenständigen, auf den Kern der Sache konzentrierten Urteil.

Diese Kompetenz hat nichts zu tun mit Besserwisserei. Sie gründet vielmehr in einem sachlichen Ethos - und in der Erfahrung, daß man komplizierten Fragen des Lebens (und der Kirchenpolitik) nur mit verschärftem Nachdenken beikommen kann. Die Frage ist nur, ob das Gegenüber dies auch so sieht. Wirklich ärgerlich, ja zornig kann man Lehmann nur erleben, wenn wieder einmal ein Konflikt dadurch verschärft wird, daß einer der Beteiligten seine Hausaufgaben nicht gemacht hat, falsch zitiert, mißversteht - oder mißverstehen will. Lehmann will also nicht nur über etwas lesen, sondern sich in jemanden hineinlesen und hineindenken. Zu verstehen - das ist ihm nicht eine Frage des bloßen intellektuellen Vorsprungs (oder der Vor-Macht), sondern eine Frage des schlichten menschlichen Respekts. Oder mit der Terminologie eben der Frankfurter Schule: der umfassenden "Kommunikationsgemeinschaft" - ein Begriff, der ja selber geradezu kirchliche, ökumenische Züge trägt. Dieses Verstehenwollen macht bei ihm folgerichtig auch nicht an Konfessionsgrenzen halt. Ein Grund mehr, ihn aus römischer Perspektive besonders kritisch zu betrachten, zum Beispiel in den Lehrgesprächen zwischen Katholiken und Lutheranern.

Das Drama der kommenden Wochen wird von der Frage bestimmt: Kann diese Tugend der eigenständigen Urteilskraft, der mühevollen Loyalität und der umsichtigen Integrationsbereitschaft einen Weg aus dem Dilemma weisen? Oder wird ausgerechnet der Bischof, der allen Gesichtspunkten gerecht werden will, von den Vereinfachern im Stich gelassen?

Im Raum steht nach wie vor die päpstliche Forderung: Rückzug! (Aber selbst im Vatikan denkt mancher, die deutschen Bischöfe könnten dies in eigener Verantwortung entscheiden; andere sind eher päpstlicher als der Papst.) Der Fuldaer Erzbischof Dyba hat sich längst aus der Konflikts-Beratung und aus der Debatte verabschiedet - und kommt, fast traditionsgemäß, gar nicht erst zur Vollversammlung - wg. Urlaubs. Dybas Limburger Nachbarbischof Kamphaus hingegen besuchte jüngst seine Beratungsstellen und solidarisierte sich mit den Mitarbeiterinnen.