Eine widerlich anmutende Methode der Behandlung von Wunden erlebt eine Renaissance: Ärzte setzen ihren Patienten hungrige Fliegenmaden in Geschwüre und schlecht verheilende Wunden. Die weißen, millimeterkleinen Larven, aus denen später Schmeißfliegen schlüpfen würden, haben dort eine heilsame Wirkung. Sie lassen das gesunde Gewebe in Ruhe, fressen aber das faulende, eiternde und bereits abgestorbene Gewebe weg. Die gierigen Geschöpfe, die nach ihrer Mahlzeit mit der Pinzette entfernt werden, haben so manchem Patienten die Amputation einer Gliedmaße erspart.

Daß diese ebenso gründliche wie ungewöhnliche Reinigung viele Wunden schnell verheilen läßt, war Militärärzten aufgefallen, wenn sie madige Verwundete von den Schlachtfeldern bargen. Deren Wunden sahen besser aus als die jener Kameraden, die man im Feldlazarett mehr oder weniger notdürftig behandelt hatte.

Doch heute zeigen sich die Maden mit neuem Biß. Einerseits werden Bakterien zunehmend resistent gegen Antibiotika, zum anderen leiden immer mehr, meist ältere Menschen an chronischen Wunden, die kaum noch zu behandeln sind. In Deutschland ist Wim Fleischmann, Chefarzt am Krankenhaus im württembergischen Bietigheim, Vorreiter der Madentherapie. Der Unfallchirurg hat laut Ärzte Zeitung in den vergangenen zwei Jahren rund 70 Patienten behandelt, die an Geschwüren, wundgelegenen Stellen und Knochenmarkentzündungen litten.

Eine feuchte Wunde am rechten Fuß eines Diabetikers zum Beispiel war drei bis vier Wochen nach Beginn des Madenfraßes sauber verheilt. Die Tierchen sondern einen Verdauungscocktail ab, der Mikroben abwehrt und das abgestorbene Gewebe in eine Art Nährlösung verflüssigt, welche begierig von den Maden aufgenommen wird. Doch die Wesen entfernen nicht nur totes Fleisch, sondern beseitigen auch Eiter und Bakterien: Der Wundgestank schwindet. Vermutlich regen sie sogar das Gewebewachstum an: ein heilsamer Effekt, der aber noch unbewiesen ist.