Die Betreiber der 20 deutschen Kernkraftwerke halten ohne Ausnahme den Ausstieg aus der Kerntechnik für falsch. Sie bekennen sich aber zum Primat der Politik und werden verfassungsmäßige Gesetze eines demokratisch gewählten Parlaments respektieren.

Da es keine neuen Tatbestände gegen die Nutzung der Kernenergie gibt, sondern nur eine politische Neubewertung stattgefunden hat, kann ihre Beendigung im Konsens mit den Betreibern nur dann gelingen, wenn es lange Übergangsfristen oder angemessene Entschädigungen für die aus einem schnellen Ausstieg erwachsenden unternehmerischen Nachteile gibt. Letzteres mag gelingen, wenn die Betreiberunternehmen unter anderem so gestellt werden, daß bei ihren Kunden die Preise nicht erhöht, bei ihren Eigentümern der Unternehmenswert und die Dividende nicht gesenkt sowie für die Arbeitnehmer neue, ihren Qualifikationen entsprechende Arbeitsplätze geschaffen werden.

Die Evolution insgesamt und die Entwicklung unserer Industriegesellschaften sind getrieben vom Streben nach mehr Effizienz und sparsamerem Verbrauch, insbesondere an Energie. Mit dem im Koalitionsvertrag verabredeten "unumkehrbaren" Ende der Kernenergie-Nutzung wird versucht, einen dieser Prozesse politisch anzuhalten.

Die von Anfang an hohen Sicherheitsanforderungen der Kernenergie haben zu einer technischen Kultur geführt, die bis dahin nicht gekannte Qualitätsstandards gewährleistet. Damit hat die deutsche Industrie die wohl besten Kernkraftwerke der Welt gebaut. Eine solche Kultur und die darauf begründete internationale Wettbewerbsfähigkeit wird nur erhalten und weiterentwickelt, wenn Technik angewendet wird, nicht wenn man aus ihr aussteigt. Ihr Verlust führt zur Einbuße nicht ersetzbarer Qualität am Standort Deutschland.

Heute wird ein Drittel des Strombedarfs in Deutschland in Kernkraftwerken erzeugt. Es ist das Rückgrat unserer Stromversorgung. Diese Strommenge ist weder kurzfristig noch zu gleichen Kosten aus regenerativen Quellen, Importen oder vorhandener freier Kraftwerksleistung zu beschaffen. Zusätzliche Erzeugung in noch freier Leistung bei Kohle-, Gas- und Ölkraftwerken sowie der Neubau solcher Anlagen sind denkbar. Die Folgen wären höhere Emissionen von Kohlendioxid (CO2) und mögliche Einflüsse auf die Preise der fossilen Energieträger, die zu importieren wären.

Mit dem Ausstieg aus der Kerntechnik wäre Deutschland nicht atomstromfrei - er würde aus Nachbarländern importiert. Auch der Rest der Welt wäre nicht ohne Kerntechnik und würde der Deutschen wegen wohl auch nicht darauf verzichten. Dürfen wir wegen der Endlichkeit der heute wesentlich genutzten Energiequellen überhaupt auf eine funktionierende Alternative verzichten?

Das hohe Gefahrenpotential der Kernenergie war früh erkannt - zumal die erste Anwendung dieser Energiequelle die Atombombe war. Nicht erst Tschernobyl hat uns bewußtgemacht, daß auch bei friedlicher Nutzung der Kernenergie die Gefahren nicht nur potentiell sind. Aber: Erkannte Gefahr ist gebannte Gefahr. Dies ist bei anderen Energiequellen durchaus nicht so: Der möglichen Gefahr, die uns aus den CO2-Emissionen droht, könnten wir nur entgehen, indem wir auf CO2-emittierende Energiequellen verzichten.