Rechnen wir alles noch mal zusammen: Unser Mann (U. M.) ist letzte Woche 34 geworden. Unser Mann hat zur Zeit weder Frau noch Freundin. Das macht ihn berechenbar. Er bekommt sentimentale Anwandlungen, wenn man die an einen anderen verlorene Xenia oder den bei ihr lebenden Sohn nur erwähnt. Als wäre er der einzige, wo es mit der Kleinfamilie nicht klappt. U. M. ist schwach. Er kommt aus dem Knast. Er braucht Unmengen Geld. Geld stinkt nicht. Geld stinkt nur bei unzureichender Belüftung. Geld stinkt nur bei zu langer Lagerung in unbelüfteten Räumen.

Ich habe Zeit. Für die nächsten ein, zwei Monate dürfte er ein ausreichendes Polster haben, es sei denn, die alten Konten reichen schon vorher nicht mehr aus. Was ich nicht glaube. Ich glaube gar nichts. Ich weiß, daß U. M.s Versuch, bei der Sinn-Stiftung um Vergebung zu bitten, schon Anfang des Jahres kläglich gescheitert ist. So nicht, von Paulus weiß ich, daß er schon beim ersten Kontaktversuch eine ziemlich schlechte Figur gemacht hat. Paulus meint: Vergiß es! Paulus meint, ich solle es vorerst nicht zu weit mit U. M. treiben. Warum eigentlich? Warum will er mich ausgerechnet jetzt bremsen? Jetzt, wo U. M. langsam zu stottern anfängt. Paulus meint, ... nein, Paulus befiehlt, ich solle U. M. vorerst vergessen, ihn probeweise ignorieren. Dabei war die zusammen ausgeheckte Aktion in der U-Bahn ein voller Erfolg - den armen Mann bei spärlichster Notbeleuchtung einfach vollzuquatschen, bis er wacklig würde auf den Beinen. War mir keine persönliche, war mir eher eine berufliche Genugtuung. Ich will U. M. mit meinen Anrufen nicht quälen. Paulus sollte das wissen. Was sein muß, muß sein.

Ich glaube, U. M.s Gelassenheitsmaske fällt endgültig, wenn ich am Telefon wie beiläufig und nur für einen Halbsatz klar und verständlich zu sprechen anfange. Wenn ich in einem Brei von Genuschel ein Detail von Xenia oder seinem Sohn fallenlasse, das nur er zu kennen glaubt. Bisher kennt er nur das Geräusch meines Atems, nicht den Geruch. Bisher kennt er nicht mehr als mein gespieltes Gestammel. Hat bisher vollauf gereicht. Ich weiß, daß er unsicher wurde und Zusammenhänge herstellte zwischen den Telefonaten und dem offenbar ziemlich glaubwürdigen maniac in Wagen 4. Hat irgendwie Spaß gemacht, der Auftritt. Auch Paulus war zufrieden. U. M. ist unser Mann. Wir wissen alles über ihn. Akt zwei, die Xenia-Nummer, kann ich mir bis Mai aufheben. Auf die Xenia-Nummer freue ich mich am meisten. Eine Dienstleistung. Aber ich will mir richtig Zeit damit lassen. Es geht nicht um persönliche Genugtuung, aber auf die Xenia-Nummer freue ich mich wirklich.

Ich will es gut machen. Ich will, daß Paulus mich liebt.

Kann es sein, daß U. M. tatsächlich nicht ahnt, daß ich den Schlüssel gefunden habe zu seinen Tagebüchern? Ich weiß alles von ihm. Ich kenne jeden hilflos konstruierten Verdacht bezüglich meiner abendlichen Anrufe, jeden Hintergrund eines Verdachts. Rührend, wie er rudert. Alle kommen für alles in Frage. Knastbekannte, Xenias Neuer, ehemalige Kollegen von der Börse. U. M., das wird einem schnell klar, kennt keinen noch so trüben Gedanken, den er nicht notiert: Ja, mein Lieber, du wirst noch einiges lernen müssen. Und eines noch - dein betont gelangweilter Modelverschleiß, dein offensiv vorgeführter Penthouse-Luxus aus der Zeit vor dem Gefängnis ist noch lange nicht so weit von deinen jetzigen Verhältnissen entfernt, wie es diese jetzigen Verhältnisse von den ungemütlichen Bedingungen sind, die auf dich zukommen, wenn du nicht mitspielst. Das ist keine Drohung, das ist ein Hinweis.

Auch ich werde bedroht, aber ich habe alles im Griff; auch ich werde verfolgt, aber die Fehler, die andere machen, würden mir nie unterlaufen.

Tue Gutes und sprich darüber! Die gute Tat stinkt nicht. Die gute Tat braucht glaubwürdige Symbole. Wir wollen die Menschheit retten. Das Logo der Stiftung als Religion aller anderen Logos. Rot auch als Farbe der Liebe. Wir haben das rechtzeitig durchschaut. Käuflicher Sex hält die Welt zusammen. Im Auftrag eines renommierten Abrüstungskonzerns sind wir friedensstiftend tätig. Warentermingeschäfte? Viel zu riskant. Die Sinn-Stiftung will beweisen, daß sich für den Erhalt eines wackligen geopolitischen Gleichgewichts mühelos internationale Schutzgelder kassieren lassen.