Weit oberhalb von Salt Lake City, am Sherwood Circle, steht ein Haus zum Verkauf. Eine bessere Lage könnte es nicht geben. Von hier aus ist es nur noch ein Katzensprung zu den olympischen Skigebieten. Und welch ein Ausblick! Unterhalb liegt die Stadt im flachen Tal, der vieltürmige Mormonentempel im Zentrum. Dahinter schimmert das reine Weiß des Großen Salzsees.

900 Quadratmeter Wohnfläche hat die Villa, sechs Schlaf- und fünf Badezimmer, separates Gästehaus, Tennisplatz und einen Swimmingpool. Sie steht auf einem Grundstück von zweieinhalb Morgen. Für solchen Luxus, meint der Immobilienmakler, seien die geforderten 4,5 Millionen Dollar fast zu bescheiden. Ein echtes Schnäppchen. Der Besitzer ist in eine Notlage geraten, er muß verkaufen.

Er war der Vorsitzende des örtlichen Bewerbungskomitees, das es im zweiten Anlauf schaffte, die Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) von den Qualitäten Salt Lake Citys zu überzeugen. Welch wurde lange gefeiert und jetzt gefeuert. Denn er hatte mehr getan, als den IOC-Mitgliedern nur die modernen Sportstätten zu zeigen, mehr, als sie nur auf die idealen Schneeverhältnisse und die vielen Hotelzimmer Salt Lake Citys hinzuweisen. Er hat eine ganze Reihe von IOC-Mitgliedern großzügig mit finanziellen Zuwendungen bedacht. Welch nennt die Zahlungen "humanitäre Hilfe".

Zwar führt er das örtliche Vorbereitungskomitee schon seit 1997 nicht mehr. Für monatlich 10000 Dollar blieb er "Berater". Aber beraten kann er jetzt auch nicht mehr. Vorvergangene Woche wurde sein Vertrag gekündigt. Sein Nachfolger im Amt ging ebenfalls, dessen Stellvertreter sowie zwei weitere Angestellte des Salt-Lake-Organisationskomitees (SLOC). Gegen alle vier ermittelt eine eigens eingesetzte Ethikkommission des SLOC. Das FBI, die Steuerfahndung und die Zollfahndung schalteten sich ebenfalls ein.

Führungslos das Organisationskomitee und führungslos bald auch die Stadt. Die Bürgermeisterin, auch sie im Vorstand des Organisationskomitees, will plötzlich nicht mehr für eine weitere Amtszeit kandidieren. Das habe aber nichts mit den Bestechungsvorwürfen zu tun, sagt sie. Merkwürdig, denn ihre gesamte Amtszeit lang hatte die Bürgermeisterin Deedee Corradini versucht, Salt Lake City vom Ruf eines hinterwäldlerischen Mormonennestes zu befreien, der Stadt ein weltoffenes, modernes Flair zu geben. Die Spiele in Salt Lake City - das wäre die Krönung ihrer Politik gewesen. Und nun, gerade jetzt, der Rückzug - aus "persönlichen Gründen".

In Salt Lake City weiß heute niemand, ob es in drei Jahren Winterspiele im Gebirge hinter dem Mormonentempel geben wird. Wie es überhaupt weitergehen soll mit den Spielen, darüber rätselt man nun weltweit. Was vor Wochen mit Indiskretionen über Unregelmäßigkeiten begann, hat sich zur größten Krise der olympischen Bewegung ausgewachsen und längst den Olymp der Olympier, das IOC, erfaßt.

Inzwischen wird 13 von 115 Mitgliedern des IOC zur Last gelegt, sie hätten Gefälligkeiten des Bewerbungskomitees von Salt Lake City angenommen - nicht nur die (erlaubten) Geschenke im Wert von 150 Dollar. Halten die Enthüllungen juristischer Prüfung stand, so hat ein Südamerikaner ein Studienstipendium für seine Stieftochter erhalten und der Sohn eines Nordafrikaners Geld für den Besuch einer amerikanischen Hochschule; ein Kongolese hat 60000 Dollar an einem schnellen Immobiliengeschäft nahe den olmypischen Skipisten verdient, außerdem 50000 Dollar für leidende Kinder in seinem Land und 70000 Dollar für sich selber erhalten; einem Russen wurde die Knieoperation spendiert. 632000 Dollar sollen die Olympiaorganisatoren für diese Art des Lobbyismus ausgegeben haben.