Nicht nur Liebe und Haß kann man als rasendes Muster aus Nullen und Einsen beschreiben. Auch für den Regenbogen über dem dampfenden Frühlingstal gibt es ein mathematisches Modell, einen Algorithmus. Wenn man unbedingt will, dann kann man nicht nur psychologische, sondern auch physikalische Vorgänge als Rechenprozesse beschreiben - als große, rasende Bitmuster in einem gigantischen Informationsuniversum. Die Frage ist nur, ob solche Beschreibungen uns eigentlich das sagen, was wir immer wissen wollten. Ist das formale Regenbogenmodell der Physiker der Regenbogen, dessen Anfang wir als Kinder gesucht haben? War es wirklich das, was wir über die Liebe wissen wollten - daß man sie auch als Informationsverarbeitungsprozeß in einem Genkopierer beschreiben kann?

Worauf es ankommt, ist die richtige Beschreibungsebene. Welche das ist, hängt aber davon ab, welche Ziele man verfolgt. Besonders ehrenwert ist es, eine Beschreibung so zu vereinfachen, daß sich mit einem Minimum an Annahmen ein möglichst großer Gegenstandsbereich mit einem Maximum an Genauigkeit erfassen läßt. Dazu sind Nullen und Einsen unschlagbar. Dasselbe gilt, wenn es darum geht, etwas technisch kontrollieren zu können. Doch das, was man früher die Seele nannte, die Emotionen und das Ichgefühl, die Innerlichkeit und das Unaussprechliche der subjektiven Empfindung, die Zartheit des bewußten Erlebens, ist kein Gegenstandsbereich wie jeder andere. Das Phänomen des Bewußtseins erfordert viele Beschreibungsebenen gleichzeitig, vor allem solche, auf denen nicht nur von Bits die Rede ist, sondern auch von der Unaussprechlichkeit der Nuancen, von den verschiedenen Darstellungsformen, in denen die Bits sich verkleiden, wenn sie als geistige Inhalte in uns tanzen. Am Ende wird man auch von den Personen sprechen müssen, die diese Inhalte benutzen, um ihr Leben zu leben.

Liebe und Haß haben viel mit Wünschen zu tun, mit realen Zielen und eingebildeten Bedürfnissen. Rasende Bitmuster kennen keine Ziele, und Turingmaschinen haben keine Wünsche. Turingmaschinen sind fiktive Entitäten, denn sie entstammen der mathematischen Automatentheorie. Was aber keinen Körper hat, das wünscht sich nichts und wird auch nicht von bürgerlichen Besitzansprüchen geplagt.

Natürlich gibt es in einem bestimmten Sinne realisierte Turingmaschinen, inkarnierte Software sozusagen. Zumindest kann man menschliche Wesen - im Prinzip aber auch Steine oder Regenbögen - als Turingmaschinen beschreiben. Bloß weiß man dann unter Umständen nicht mehr genau, welcher Engel es eigentlich ist, der hier aus dem unendlichen Raum des Mathematikerhimmels abgestürzt ist in dieses kläglich-fleischliche Hier und Jetzt. Eine dumme Turingmaschine könnte in Wirklichkeit eine raffinierte Intelligenzbestie sein, die nur so tut, als sei sie dumm. Die Fachleute nennen so etwas "Emulation" (die Simulation eines informationsverarbeitenden Systems durch ein anderes), und daraus, daß zwei Systeme von außen gesehen dieselben psychologischen Eigenschaften haben, folgt noch nicht, daß sie wirklich denselben Bauplan haben. Kurz: Für ein und dieselbe Seele kann es viele verschiedene Baupläne geben, die alle auf ihre eigene Weise wahr sind. Das Problem besteht darin, den Bauplan zu finden, der uns gerade am meisten interessiert.

Hirnzellen sprechen sogar zwei verschiedene Sprachen

Die Bauplan-, die Informationsverarbeitungs- und die Bitmuster-Beschreibungsebene sind beileibe nichts Neues. Schon Aristoteles lehrte, daß die Seele im Grunde so etwas wie die Form des Leibes sei, und seine theoretische Intuition hat sich über die Jahrhunderte als geisteswissenschaftlicher Dauerbrenner entpuppt. In immer neuen Ausformungen hat sie sich weiterentwickelt bis in den Funktionalismus der modernen Philosophie des Geistes, in die Kognitionswissenschaft und die Erforschung neuronaler Netze hinein.

Der Aufstieg der Neurowissenschaften wäre undenkbar gewesen, wenn unsere Hirnzellen tatsächlich "ja gar nicht viel mehr als 0-1 machen" würden. Glücklicherweise können sie viel mehr als das - sie hemmen und tanzen, moderieren und integrieren, sie verändern sich und bilden größere Einheiten. Sie sprechen sogar zwei verschiedene Sprachen: Chemisch und Elektrisch. Nervenzellen sind weicher als preußische Einsen und widerstandsfähiger als Nullen. Wer im Ernst meint, Nervenzellen seien nichts anderes als kleine Ein-Aus-Schalter, denkt wie jemand, der meint, das Universum der Physik bestünde aus Billardkugeln und "toter Materie". Die Wirklichkeit ist viel schöner. Und komplizierter.