Bei solchen Fragen helfen Baupläne wenig weiter. Und vielleicht gilt auch, was Henrik Walter in seinem Buch Neurophilosophie der Willensfreiheit schreibt: Unsere Willenshandlungen sind zwar determiniert, aber dennoch authentisch. Solche Unterschiede sind wichtig, und der Vulgärreduktionismus tendiert dazu, sie zu verschütten. Ob als milde, verkaufsfördernde Provokation oder als szientistische Weltanschauung - platter Reduktionismus ist allein deshalb gefährlich, weil er von den wirklich interessanten Fragen ablenkt. Immer wenn reduktive Erklärungen besonders erfolgreich sind, droht das, was der amerikanische Philosoph Donald Davidson als den "Nichts-anderes-als-Reflex" bezeichnete. Sein Paradebeispiel für diesen intellektuellen Reflex war der folgende Satz: "Die Komposition der ,Kunst der Fuge' war nichts anderes als ein kompliziertes neurales Ereignis."

Natürlich gibt es auch die Ablenkung von der anderen Seite: den selbstgerechten, uraltklugen Antireduktionismus, der hinter den Neuro- und Kognitionswissenschaften immer schon einen biologistischen Protofaschismus wittert: "Die Hirnforscher wollen den Menschen und sein Bewußtsein auf Gehirnvorgänge reduzieren!" Wenn man Nebelkerzen in öffentliche Debatten werfen und sich dabei des spontanen Beifalls des Publikums sicher sein will, dann sind solche Parolen ein probates Mittel. Sie funktionieren fast immer.

Viele Menschen verstehen nicht, daß "Reduktion" eine Beziehung zwischen Theorien ist und nicht zwischen Phänomenen. Man kann eine Theorie über Regenbögen zurückführen auf eine einfachere Theorie, etwa über elektromagnetische Schwingungen. Der Regenbogen selbst aber bleibt davon unberührt. Er ist genauso ergreifend und schön, auch wenn die Physik sein Zustandekommen erklärt. Und auch wenn sich eine Theorie über die Seele, das Bewußtsein und die Liebe tatsächlich einmal in weiten Teilen auf eine neue Theorie der Informationsverarbeitung im Gehirn zurückführen ließe, wird der Fluß des subjektiven Erlebens dadurch nicht weniger ergreifend und nicht weniger schön. Keine Wissenschaft und keine seriöse Form der Philosophie will "den Menschen" oder "das Bewußtsein" reduzieren. Die Phänomene bleiben gleich, die Theorien ändern sich.

Natürlich ist die Situation gerade beim Phänomen des Bewußtseins nicht so einfach: Die Meinungen, die wir über unser eigenes Bewußtsein und seine Entstehungsbedingungen haben, beeinflussen indirekt seinen Inhalt. Und hier ist ein zweiter Punkt, an dem die Ideologie der Nullen und Einsen sich als gefährlich erweist. Ideologien sind wie Hirntumoren oder Geisteskrankheiten: Sie führen zu verarmten Bewußtseinszuständen und zu reduzierten sozialen Realitäten. Auch eine populär gewordene und in den Alltag abgesunkene Bauplan-und-Bitmuster-Ideologie könnte einmal diese Folgen haben, vielleicht auch nur, indem sie den Menschen den Blick auf die wirklich wichtigen Fragen verstellt. Sogar den Nichts-anderes-als-Reflex kann man als rasendes Muster aus Nullen und Einsen verstehen. Aber es ist nicht diese Tatsache, die ihn falsch macht.

Der Philosoph Thomas Metzinger arbeitet zur Zeit im Rahmen eines Forschungsaufenthaltes am philosophischen Institut der University of California in San Diego

Siehe dazu auch Seite 44: Kühne Seelenklempnerei