Die Dunkelziffer ist hoch bei Straftaten in der Familie. Wer weiß schon, was hinter fremden Türen vorgeht? Wie Recht gebrochen wird unter dem Deckmäntelchen der elterlichen Fürsorge?

"Gibt's bei uns nicht", sagen Sie? Hätte ich auch gesagt, bis vor drei Wochen. Es begann damit, daß ich es satt hatte, einem Achtjährigen und einer Zehnjährigen ständigen Zugriff auf mein Arbeitsgerät zu gewähren. Quäkende Mathe-Kobolde, halbnackte Archäologinnen und ein römisches Imperium hatten die Festplatte meines Computers besetzt. Zutritt zu meinem Arbeitszimmer wurde mir mit Hinweisen wie "Ich hab' doch noch drei Leben!" verwehrt. Ein Gewinn für die ganze Familie also, dachten wir braven Eltern, wenn die Kinder zu Weihnachten ihren eigenen Computer bekämen.

Ich fragte den netten Verkäufer, ob ich nicht mein vor drei Jahren rechtmäßig erworbenes Softwarepaket auch für den Rechner meiner Kinder verwenden könnte. Bleibt schließlich in der Familie! "In den Himmel kommen Sie gerade nicht, wenn Sie das machen", meinte er grinsend und führte mich an das Softwareregal, wo das vertraute und zu Hause schon vorhandene Paket stand: für 1195 Mark.

Kaum hatte er mich allein gelassen, näherte sich ein schmächtiges Männchen und zischte mir zu: "Glauben Sie ihm kein Wort! Natürlich können Sie die Software auch im Rechner Ihrer Kinder laufen lassen. Merkt kein Mensch!" Ein anderer Kunde warf ein: "Ich habe in meinem ganzen Leben noch keine Software gekauft." Ein Elternpaar mit halbwüchsigen Kindern blieb neugierig stehen, wohl um zu sehen, wie jemand aussieht, der Software bezahlen will.

Unter Ausflüchten machte ich mich aus dem Staub und kontaktierte den Urheberrechtler meines Vertrauens. Er sprach von den Paragraphen 53 und 69d des Urheberrechtsgesetzes, Höchststrafe: drei Jahre Knast, wenn ich Programme ausschließlich privat kopiere. (Bei gewerblicher Ausübung legt der Gesetzgeber noch mal zwei Jahre drauf.) Die netten Leute im Elektrogroßmarkt hätten sich demnach auch der Gefangenenbefreiung, Bigamie, Verbreitung von Kinderpornographie oder Wilderei bezichtigen können. Hat alles das gleiche Höchststrafmaß.

Der Freundeskreis, zu Testzwecken aufgeklärt, zeigte sich ungläubig. Einer formulierte vorsichtig: Sollte ich tatsächlich die gleiche Software, die ich zu Hause habe, noch einmal für über tausend Mark kaufen, so zeigte ich damit "einen Grad an Gesetzestreue, der zur Skurrilität hin tendiert".

So kann man das wohl sehen - innerhalb der Familie bleibt ja so manches ungesühnt.