Washington

Wegen des augenblicklichen Elends mit der amerikanischen Politik mag es einem Amerikaner gestattet sein, Trost in der Hinwendung zu Europa zu suchen. So entnehme ich der Financial Times, daß der britische Premierminister einen würdigen Kandidaten für den nächsten Präsidenten der Brüsseler Kommission sucht, aber dabei Schwierigkeiten erwartet. Vielleicht können wir ihm helfen.

Mister Blair glaubt, daß Felipe Gonzáles unter dem ideologischen Joch der alten Linken steht (eine Ansicht, die innerhalb der spanischen Sozialistischen Partei nicht unbedingt geteilt wird), und deshalb kommt er nicht in Frage. Javier Solana hält er, trotz der unbestreitbaren Tatsache, daß er als Student gegen den Vietnamkrieg demonstrierte, für zu amerikahörig. Darüber muß man sich allerdings wundern, denn bei Betrachtung der britischen Politik im Golf sollte man eigentlich nicht glauben, daß Amerikahörigkeit aus Londoner Sicht eine disqualifizierende Eigenschaft ist. Schließlich würde Tony Blair auch noch Romano Prodi akzeptieren. Wenn man bedenkt, daß Professor Prodi kürzlich bei einer New Yorker Konferenz über den Dritten Weg diese Idee als nichtssagend bezeichnete, dann spricht Blairs Vorschlag für eine gewisse Großzügigkeit seinerseits. Der Professor zieht es aber möglicherweise vor, in diesem Frühling italienischer Präsident zu werden.

Unter all diesen Umständen kann Blair natürlich nicht besonders gut schlafen. Vor allen Dingen wird er beunruhigt durch einen immer wiederkehrenden Alptraum - die Möglichkeit, daß Oskar Lafontaine darauf aus ist, als Präsident der Kommission nach Brüssel zu gehen. Der Premier hält eine solche Entwicklung für das politisch-ideologische Äquivalent des Schliefen-Plans. Das Saarland gehört zwar nicht zum südlichen Europa, aber Blair nimmt die Klischees über die Toskana-Fraktion offenbar sehr ernst und befürchtet, daß Lafontaine sich durchsetzen könnte.

Es gibt jedoch eine Möglichkeit für Blair, seine Contenance wiederzufinden. Dabei könnte ihm die Zuflucht zu Machiavelli helfen. So brauchte der Premierminister nur den Kardinal von Mailand, Carlo Maria Martini, als Kommissionspräsidenten vorzuschlagen, um seine Schwierigkeiten zu überwinden.

Seine Eminenz ist eine große ökumenische und europäische Figur, die den Werten des sozialen Christentums stark verhaftet ist. Als Jesuit hätte er auch keine Schwierigkeiten in der Handhabung von Macht. Er ist zwar ein führender Kandidat für die Papstnachfolge, aber sein Gang nach Brüssel könnte diesen Posten frei machen für Oskar Lafontaine.

Wahrscheinlich nähmen einige der weniger leichtfüßigen Kardinäle Anstoß an einem zweimal geschiedenen Kandidaten, aber das Papsttum hatte ja auch einmal viel Verständnis für die Hochzeitsabenteuer HenrysVIII. Sobald er im Vatikan etabliert wäre, hätte Papst Oskar ohne Zweifel genug mit den dortigen Finanzproblemen zu tun und würde deshalb die Europäische Zentralbank in Ruhe lassen. Zwar wäre gelegentlich eine strenge Enzyklika aus Oskars Feder zu erwarten - doch als Kenner des sozialen Christentums weiß Premier Blair nur zu genau, wie groß die Kluft zwischen dem Wort und dem politischen Fleisch ist.