Im Grunde sind es nur drei Motive, die erregend auf ein Publikum einwirken und deshalb die Textur aller (Fernseh-)Geschichten bilden: der Sex - als Ursprung des Lebens; die Gewalt - als Ende des Lebens; und das Rätsel - als Sinn des Lebens. Seit wir das Kommerzfernsehen haben, holte das Gesamtprogramm bezüglich der Unverblümtheit, mit der die ersten beiden Motive herausgeschält, variiert und gleichsam nackt dargeboten wurden, mächtig auf.

Das dritte Motiv, das Rätsel, blieb vorwiegend im Krimi eingesperrt und harrt noch seiner televisionären Ausschlachtung. Amerika, wie üblich eine Strecke weiter auf dem Unterhaltungsmarkt, erfand und repräsentierte Mystery, als man sich hierzulande noch brav rationalistisch aufs Diesseits beschränkte. Aber immerhin importierten die Privatsender Akte X und allerlei andere Rätsel- und Psi-Serien. Der Erfolg gab jenen Planern recht, die verlangten: Das machen wir auch!

Diese "Medien" gilt es zu inszenieren, mit ein paar besorgten Vertretern der Regierung drumherum, und dann können die "Phänomene" losbrechen. Ob es sich um Seelenwanderung oder Wurmlöcher im Zeittunnel handelt, ist letztlich egal. Hauptsache, die Dinge sind übersinnlich und so bedrohlich wie der Dritte Weltkrieg.

Die Dimension des Schreckens, der in Mystery die Hauptrolle spielt, ist denn auch derart außerordentlich, daß das FBI (in Amerika) beziehungsweise das Innenministerium (in der BRD) die Zwischenwelt zur Chefsache erklärt und eine Sondereinheit bildet. So kommen Scully und Mulder (USA) beziehungsweise Mark, Kris und Richard (RTL) auf die Welt und in den Genuß weitreichender Vollmachten. Und das Publikum genießt den Sinn des Lebens als ewiges Rätsel, dessen Lösung nicht mal die Sondereinheit näherkommt.

Ob die Operation Phoenix, die heute startet, überzeugt, bleibt abzuwarten. Erste Proben zeigen einen Kopisteneifer, der an der Sache vorbeizielt. Europa hat seine eigenen Geister, Deutschland allemal. Solange die nicht das Gruseln lehren, bleibt deutsches Mystery Abklatsch.