Aber auch die Frau des bekannten amerikanischen Journalisten Knickerboker, die schöne Austin Cassini, fiel auf: Sie hatte es fertiggebracht, Brillanten im Werte von zwei Millionen Dollar auf ihrem Kopf zu versammeln. Als ihr Mann davon hörte, soll ihn vor Entsetzen beinahe der Schlag getroffen haben. Eine andere Vertreterin der New Yorker "Crème de la Crème" trug etwas auf der Stirn, das auf den ersten Blick wie eine Bergmannslaterne aussah. Bei näherem Zusehen entpuppte sich das monströse Ding als ein Saphir von 337 Karat!

Die einzige Frau, die auf diesem schwindelerregenden Fest kein Schmuckstück trug, war Marlene Dietrich. Ihre blonde Schönheit kam in einer raffiniert einfachen schwarzen Toilette trotzdem sehr viel wirkungsvoller zur Geltung als die all der Frauen, die sich hinter ihrem Geschmeide versteckt hatten. Vielleicht hatte Marlene davon gehört, wie die einstmals berühmte "Schöne Otéro" aus einer ähnlichen Situation so siegreich hervorgegangen war. Diese französische Tänzerin, die um die Jahrhundertwende Könige, Fürsten, Millionäre und Politiker im Sturm eroberte, war nicht nur ihrer Schönheit und ihres Temperaments wegen so berühmt, sondern auch um ihrer unerhörten Juwelen willen. Eines Abends trat sie in den Folies Bergères im Schmucke dreier wahrhaft königlicher Perlencolliers auf: Das eine hatte der Kaiserin Eugénie, der Gemahlin Napoleons III., gehört; das zweite der Kaiserin von Österreich und das dritte einer Königin des Rampenlichts, der einstmals bewunderten Schauspielerin Leonide Leblanc. Ohrringe mit 50karätigen Brillanten, ungezählte Armbänder und Ringe sowie ein kostbares Diadem erhöhten Wert und Glanz dieser Demonstration. Eine Rivalin ärgerte sich denn auch gründlich darüber. Sie forderte die Otéro zu einem "Juwelenduell" heraus. Auf einem Galaabend sollten die beiden Frauen ihren Schmuck präsentieren.

Der Abend kam. Die galante Welt, "Le Tout Paris", war versammelt. Die Operngläser gezückt. Zuerst erscheint die Widersacherin, von Brillanten, Perlen und Edelsteinen nur so schimmernd. Kurz darauf trat die Otéro ein – ohne ein einziges Schmuckstück. Lediglich mit einem enganliegenden schwarzen Seidenkleid angetan. Mit bezauberndem Lächeln nahm sie Platz. Da plötzlich tauchte hinter ihr, kerzengerade und reglos, über und über mit Schmuck behangen wie ein überladener Weihnachtsbaum ihre – Kammerfrau auf. Das ganze Theater brach in unbändiges Gelächter aus. Die Frau aber, die es mit der schönen Otéro hatte aufnehmen wollen, mußte schamrot und unverzüglich den Schauplatz verlassen.

Heute lebt die Otéro still in Nizza. Kürzlich veranstaltete sie eine Versteigerung einiger Möbel und Andenken; dabei kam auch ein überlebensgroßes Porträt zum Vorschein, das einst Wilhelm II. von ihr hatte anfertigen lassen. Denn zumindest incognito hatten sie Kaiser und Könige verehrt: der Mikado, Zar Nikolaus II., König Leopold von Belgien, Eduard VII. von England – sie hatte sie alle gekannt, die Berühmtheiten der damaligen "Großen Welt". Kürzlich noch bot ihr der Direktor des "Casino de Paris" einen Vertrag mit 100.000 Francs für den Abend an. Die Otéro lehnte es ab. Sie fand es geschmacklos, mit ihren 83 Jahren die Neugier eines sensationslüsternen Publikums zu befriedigen. Auch ein Filmangebot wies sie zurück. Sie ist fromm geworden und will ihr Alter in Ruhe vollenden. Und sie kann es sich wohl leisten, denn sie ist immer noch im Besitze von Juwelen, die Millionenwerte darstellen.

Diese Rubrik wird betreut von Jeannine Kantara