Stockholm

Der schwedische Ministerpräsident Göran Persson ist 49 Jahre alt und ein Mann von massiver Statur. Er lächelt gerne und verbreitet den Eindruck einer gewissen Gemütlichkeit. Aber Göran Persson ist nicht gemütlich. Manche seiner Landsleute, nicht zuletzt sozialdemokratische Parteifreunde, würden sagen: im Gegenteil. Seit seinem Amtsantritt Ende 1995 hat Göran Persson Minister und Staatssekretäre in einer Frequenz ausgewechselt, die man sonst allenfalls vom Eishockey kennt. Unempfindlich ist er auch, wenn es um kleine Tabus geht: Der Regierungschef des Volvo-Landes fährt, wegen Beinfreiheit, einen BMW.

Und von neuer Behutsamkeit ist auch Perssons Umgang mit dem bei seinem Amtsantritt noch vordringlichsten schwedischen Problem, der Sanierung des Sozialstaats: Die Zeit der Opfer sei vorerst beendet, sagt der Ministerpräsident, die Lage sei unter Kontrolle, "die alten Wohlfahrtsnationen im Norden funktionieren in Europa heute wieder am besten".

Ach ja? Bleibt Schweden also das Modell einer Gesellschaft, in der alle Menschen über gleiche Chancen verfügen, wo keiner durch irgendwel- che Löcher im sozialen Netz abstürzen kann und Gerechtigkeit der Normalfall ist? Kann man vom "Norden", wie Persson gern generalisiert, noch lernen, wie das ist mit der Liebe in Zeiten der Cholera, pardon, der Solidarität im Zeichen der Globalisierung?

Tony Blair erscheint den Schweden doch sehr britisch

Ja, kein Zweifel, sagt Göran Persson und ist vielleicht wirklich überzeugt davon. Eindringlich mahnt er im Gespräch, man möge bloß nicht neoliberalen Forderungen wie der nach mehr "Flexibilität" der Menschen auf den Leim gehen. So hält er denn auch die heute unter europäischen Sozialdemokraten geführte Debatte über "Grenzen des Sozialstaats" und der Gerechtigkeit mindestens für problematisch. Gewiß wolle er sich an Tony Blairs schillerndem Projekt "Dritter Weg" aktiv beteiligen, sagt Persson. Ein persönlicher Beauftragter hat dazu schon in London, Washington und Bonn sondiert.

Aber andererseits: Der Blairsche Ansatz der Sozialstaatsreform kommt dem Schweden, wie er es milde umschreibt, doch sehr britisch vor. Im Vereinigten Königreich sei das welfare-system eben sehr "kompliziert und kaum zu durchschauen". Kein Wunder, daß Blair das reformieren wolle. Aber davon lernen? Schaut lieber auf uns, lautet die Botschaft. Denn der richtig verstandene Sozialstaat ist krisenfest und ein Wachstumsfaktor (siehe unten: "Mut durch Sicherheit").