Es kam, wie es kommen mußte, meint der Banker Carsten Kayatz: "Seit zwei Jahren warne ich Frankfurt vor Direktkrediten in Brasilien." Sein Arbeitgeber, die Commerzbank, hielt sich zurück. Doch nicht alle widerstanden den Verlockungen der schnellen Mark. Kayatz: "Ich möchte jetzt wirklich nicht in der Haut der Amerikaner stecken, die hier mit über 28 Milliarden Dollar im Obligo stehen."

Nicht wenige dieser Investoren gerieten in Panik, als die Notenbank des Landes in der vergangenen Woche die Notbremse zog und ein bis dahin heiliges Dogma über Bord warf: Die heimische Währung, der Real, wurde dem freien Spiel der Marktkräfte überlassen, die feste Koppelung an den Dollar aufgegeben. Folge: Der Real wertete drastisch ab. Seit Beginn der Asienkrise vor rund eineinhalb Jahren war erneut das Währungsgefüge eines großen Landes aus den Fugen geraten, die Schockwellen waren überall an Finanzmärkten zu spüren.

Dabei konnte nur ein Blinder übersehen, was sich in Brasilien zusammenbraute. Die Binnenschuld hatte sich innerhalb von nur zwei Jahren verdoppelt, die Leistungsbilanz kam aus den roten Zahlen nicht heraus, die Kapitalflucht beschleunigte sich, die Zinsen stiegen auf astronomische Werte, und die Devisenreserven schmolzen von 74,6 Milliarden Dollar (April 1998) auf 32 Milliarden zusammen. Brasilien suchte Beistand beim Internationalen Währungsfonds (IWF). Doch als das Abkommen über Stützungskredite in Höhe von 41,5 Milliarden Dollar, verteilt auf drei Jahre, im November 1998 unterzeichnet wurde, war es längst zu spät. Die Gründe für das Desaster liegen auf der Hand: Die achtgrößte Industrienation der Welt hat ihr Vermögen aus Leichtsinn verpraßt. Ausgerechnet das erfolgreiche Stabilitätsprogramm von Präsident Fernando Henrique Cardoso gab den Anlaß dazu. Noch als Finanzminister hatte Cardoso im März 1994 mit dem "Plano Real" eine Währungsreform eingeleitet, die nach Jahrzehnten der Inflation Wohlstand, Wachstum und Stabilität versprach. Denn was immer die Regierung und ihre treue Magd, die Notenbank, zuvor versucht hatten: Die Inflation kehrte nach kurzer Zeit mit tödlicher Logik zurück; die große Mehrheit der Bürger, die nicht über Sachwerte oder Dollarkonten verfügte, wurde geschröpft. Es war ein Teufelskreis. Der einzige Ausweg, die Teuerung zu unterlaufen, bestand darin, das Geld ganz schnell wieder auszugeben. Dadurch stieg die Inflation noch schneller.

Fernando Henrique Cardoso wollte diesen Teufelskreis durchbrechen. Tatsächlich löste die neue, elastisch an den Dollar gebundene Währung eine Initialzündung aus: Die jährliche Teuerung sank von über 1000 auf unter zwei Prozent, die Wirtschaft boomte, und selbst die Armen im Lande profitierten ein wenig.

Dem Präsidenten war bewußt, daß der "Plano Real" wie eine Seifenblase platzt, wenn er nicht andere Hindernisse beiseite räumen würde: die Abschottung des Marktes, die zur Überalterung der Industrie und zur Verödung der Landwirtschaft geführt hatte; die Wucherung der öffentlichen Verwaltung, die einen immer größeren Anteil des Volksvermögens verschlang; das Steuersystem, das Unproduktivität belohnte und Fleiß bestrafte; die Privilegien mächtiger Gruppen wie die der Beamten, der Latifundisten od er der freien Berufe; die archaische politische Struktur, die auf die Herrschaft einer Kaste von "Kaziken", von Landesfürsten und von den Wählern kaum kontrollierten Volksvertretern, zugeschnitten war.

Cardoso hat wohl kaum geahnt, auf welche Sisyphusarbeit er sich eingelassen hatte. Anfangserfolge wie die Öffnung der Wirtschaft, die Privatisierung von maroden Staatsbetrieben und Ansätze einer Landreform schufen zwar Vertrauen im Ausland. Schon bald mußte der Präsident aber feststellen, daß seine Reformvorhaben auf den hinhaltenden Widerstand jener stießen, die ihre Privilegien bedroht sahen und die sich unter der Dunstglocke des patronalen Systems bequem eingerichtet hatten. Der Kongreß, mehr ein Bazar partikularer Interessen als ein "Hohes Haus", war an Reformen desinteressiert - wenn Cardoso etwas erreichen wollte, dann nur im Tausch gegen Posten, Pfründen und Geld.

Wie aber soll man ein Land regieren, in dem Gemeinderäte pro Sitzung und Kopf dreistellige Summen einstreichen, Volksvertreter ganze Sippschaften auf Staatskosten beschäftigen und Kriminelle nicht gefaßt werden, weil sie beispielsweise eine Polizeiuniform tragen?